Am Ende ist es immer dasselbe

Da ist dieses Jucken
Hinten in meinem Verstand und tief in meinem Herzen
Dieses Jucken, das man nicht wegkratzen kann
Stattdessen kratzt eine Feder auf Papier

Ich schreibe von Versprechen und Enttäuschungen
über Geheimnisse und Hoffnungen
Von Monstern und Ungeheuern in Menschengestalt
Lächeln, Tränen, jauchzende Freude
Ich erzähle von Liebe, Leben, Trauer und Tod

Aber egal, worum sich eine Geschichte auch dreht
am Ende schreibe ich doch wieder nur über dich und mich
und alles, was dazwischen hätte sein können
Werbeanzeigen

Phantomschmerz

Mit rot leuchtenden Ziffern droht der alte Radiowecker aus der Dunkelheit, die ihn umgibt. Vor langer Zeit einmal stand das Gerät neben dem Bett seines Vaters. Wieso wegwerfen?, dachte er sich und übernahm den unschönen Kasten mit dem integrierten Kassettendeck. Früher versteckte er dort immer etwas Gras und fühlte sich clever und rebellisch. Heute lagern die Drogen in einer grünen (!) Tupperdose im Ikea-Regal in der Küche und damit ist für ihn schon alles über sein Leben gesagt.

Kontrolle vollkommen verloren.
Um Änderungen zu übernehmen, muss das System neu gestartet werden.
– In 5 Jahren wieder erinnern
Vielen Dank und Ihnen auch ein herzliches Fuck you.

Der Wecker macht seine Drohung wahr und gibt einen nervtötenden, aber menschenerweckenden Ton von sich. Irgendetwas zwischen Montag und Freitag, also der übliche Ablauf: Aufstehen, Kippe, Dusche, Kippe, Auto, Kippe, Kippe, Arbeit, zwischendurch ein paar Kippen, Auto, Kippe, Essen (oder etwas in der Art), unzählige Kippen, Bett.

An Tag 6 dann ein Termin beim Gesundmacher. Gemeinschaftspraxis Dr. J. Walker & Dr. J. Beam. »Was stimmt denn nicht?«, bringt er die Frage gleich mit in die Sprechstunde und hat auch schon die Antwort dabei: »Mein Leben tut weh.«

Nachdem die Heiler ihn gründlichst innerlich untersucht haben, steht am Ende der Nacht die Diagnose: Welches Leben überhaupt?

Nächste Erinnerung in 4 Jahren, 11 Monaten, 27 Tagen, 12 Stunden, 37 Minuten.

 

#Phantomschmerz (Das zehnte Wort für das Projekt *.txt 2018)

#love #bae #relationshipgoals

Die Romantik unseres Lebens
das waren übertrieben abgedroschene Phrasen auf Zetteln
die zwischen Schulbänken herumgereicht wurden
und Initialen, die an Bahnhöfe gekritzelt wurden
von denen aus wir nie in Richtung Zukunft fuhren
Es waren die immer gleichen Popsongs
die uns durch die Nacht begleiteten
auf MC, CD und ein bisschen THC
Auf Dorffesten wurden Hände gehalten
Besitzansprüche stumm kommuniziert
und als Zuneigung missinterpretiert

Heute ist unsere Romantik ein Like unter jedem deiner Bilder
ein Emoticon in jedem meiner Sätze
und ein Statusupdate zu jeder sich bietenden Gelegenheit
Wir wissen nicht, wie man richtig liebt
Haben es nie gelernt
Doch wir müssen glücklich sein
Immerhin zeigen wir es doch allen

Oder?

Gut genug

Gestern habe ich endlich nochmal ein paar Seiten für meinen Roman geschrieben. Das war ein wirklich tolles Gefühl und ich war fest davon überzeugt, dieses Kunststück heute zu wiederholen. Wie ihr euch denken könnt, habe ich das nicht getan.

Doch ich habe dafür zwei andere Texte geschrieben. Schnelle, kurze Texte, wie ich sie gerne schreibe. Nicht viel nachdenken, sondern den Stift ansetzen und sehen, was passiert.

IMG_20181113_124711-1.jpg

Die Texte liegen jetzt als Entwürfe irgendwo hier hinter den Kulissen herum, wo normalerweise nur die Liste der gelesenen Bücher in der Ecke steht. Durch den Status ›Entwurf‹ kann ich mir selbst einreden, die Texte vielleicht nochmal überarbeiten zu wollen, zumal ich mit dem einen auch nochmal das Projekt *.txt bedienen will. Um ehrlich zu sein, glaube ich daran aber eigentlich nicht, also warten sie nur im Entwürfeordner, bis sie dann veröffentlicht werden. Sie sind nämlich so, wie sie sind.

Gut genug.

Tagebuch

Schon wieder ist ein Tagebuch vollgeschrieben
Zwischen zwei Buchdeckeln verschwindet das letzte halbe Jahr
Verschwindet in meinem Regal
und tauscht den Platz mit leeren Seiten
die auf die Zukunft warten
bis auch sie Vergangenheit werden

Bis auch sie abgestellt werden
in einer Reihe aus Erinnerungen und Gedanken
Plänen und Rechtfertigungen

Fein säuberlich archiviert
gleicht keine Episode meiner Vergangenheit einer anderen
Nur eines haben sie alle gemein
Keine erzählt das Ende der Geschichte
Noch lange nicht

Wer hätte das gedacht?



Was bl_ibt

»Sie hinterlässt eine Lücke«, sagt man.
Gut gemeinte Worte und selbst als Klischee schon nicht mehr so ernstzunehmen, dass es keine Späße darüber gibt. Doch hier stehe ich nun, allein, du nicht viel mehr als ein Name im Stein.
Ich will nicht reimen und keine gut gemeinten Worte für dich finden, denn das ist doch alles verlogene Scheiße. Du bist nicht mehr da und hinterlässt nicht eine Lücke, sondern tausende. All die kleinen Details, die dem großen Bild Leben und Farbe einhauchten, hast du mitgenommen. Die Dinge, die immer erst dann auffallen, wenn sie fehlen, und die doch keiner benennen kann.

»Irgendetwas fehlt«, heißt es dann und schon macht man sich auf , eine Leere zu füllen, deren Form man nicht einmal bestimmen kann.
Also gieße ich alle Erfahrungen in mich hinein, in der Hoffnung, dass sie Lücken füllen, die du hinterlassen hast. Doch nichts scheint zu passen, in jede Ecke vorzudringen, nichts zwischen Promille und der Frage nach der Pille.

»Er reimt schon wieder«, sage ich zu mir selbst, weil sonst niemand mehr da ist.
Und während ich immer noch glaube, Lücken füllen zu müssen, beginnt so der Abstieg. Flaschen, Gläser, Pfeifen, hautenge Minikleider… in allen möglichen Gewändern kommen Nicht-Lückenfüller daher und zu spät erkenne ich, was vor sich geht.
Ein unauffälliger Handschlag, Geld wechselt den Besitzer, wie in einem schlechten Film. Der Dealer verschwindet in der Menge und lässt mich mit einem weiteren Geist zurück, der nicht ausfüllt, was du mit dir nahmst, sondern zersetzt, was mir geblieben ist.

Ich kaufe E’s und möchte lösen:
LI_B_
FR_IH_IT
ALL_S

 

#Auflösung (Das siebste Wort für das Projekt *.txt 2018)

 

Aufgewärmt #21: Und endlich [v1]

Manchmal kommt mir eine Idee und ich schreibe mir kurze Stichworte oder einzelne Formulierungen dazu auf. Was dann am Ende aus dieser Idee wird, sehe ich selbst erst, wenn es soweit ist. Eine davon kam mir am 13. Mai und ich dachte eigentlich, damit das fünfte Wort #grenzenlos für das Projekt *.txt zu bedienen.

Einen Tag später schrieb ich folgenden Text und fand ihn eher nicht so geil. Deshalb folgte direkt danach eine zweite Version, die ich dann auch hier veröffentlichte, nachdem mir bewusst wurde, dass meine Idee viel mehr ein älteres Wort des Projekt *.txt bediente.

Ich schreibe, also bin ich – nicht mehr als ein weiterer Schreiberling, der die Idee hat, die es aufzuschreiben gilt. Meine Schreibe ist festgesetzt, eingepfercht im Rahmen dessen, wovon ich glaube, dass es sowohl mein Innerstes widerspiegelt, als auch in anderen das Gefühl weckt, dass sie etwas lesen, das es wert ist, gelesen zu werden. Vielleicht. Manchmal.

Im Grunde ist es Gekritzel auf Papier, das sich auf Linien fest- und von den Rändern fernhält. Bitte das Glas nicht berühren, sonst könnte auffallen, es existiert gar nicht. Und dieses Spiegelbild der traurigen eingesperrten Gestalt ist nur eine Fata Morgana in der heißen Luft, die man uns für Grenzen vormacht.

Aber das bin ich nicht, dieses eingesperrte Etwas. Also schreibe ich einfach weiter, über alle Ränder hinaus, schreibe mich fort von dir. Denn solange ich schreibe, bin ich unendlich. Und endlich bin ich ich.

Aufgewärmt #20: Eine erste Idee

Oft kommt mir eine Idee in Form einer einzelnen Zeile oder eines Wortspiels. Manchmal gelingt es mir dann, um diese Zeile einen kleinen Text zu schreiben. Ganz selten kommt es aber auch vor, dass ich daraus noch einen zweiten oder dritten Text mache, der zwar oft dasselbe aussagt, aber eben anders aufgebaut ist.

So war mein Text Am Ende der Anfang auch eine dieser zweiten Ideen, die mir dann sogar besser gefielen, als der ursprüngliche Entwurf. Trotzdem möchte diesen Entwurf hier auch noch teilen:

Am Anfang, da waren wir
Du und ich
und all die Kleinigkeiten zwischen dir und mir
Das erste Treffen, der erste Kuss
Diese besonderen Augenblicke, die nur uns gehörten

Mit der Zeit wurden es mehr
Ein Treffen wurde zu einem gemeinsamen Leben,
ein Kuss zu einer Million von Küssen

Die Kleinigkeiten wurden riesig
und sind immer noch zwischen uns
Dort wo kein Blatt Papier zwischen uns passen würde
bewahren wir sie auf, halten sie uns zusammen

Und am Ende sind da immer noch wir
und die Erinnerung an dich und mich

 

ZweiNullNull

Den ganzen Vormittag über saß ich da und wusste meist nichts mit mir anzufangen. Schreiben würde ich gerne, dachte ich mir. Was tat ich? Nichts. Über das Schreiben lesen, wenn überhaupt. Blogs, Artikel, Rezensionen, was auch immer. Die Lust war immer noch da, aber irgendwie so ziellos.

Tagebuch schreiben, okay, aber worüber, wenn nichts geschieht und die eigenen Gedanken mal wieder zu schnell sein, um sie einzuholen? Am Roman weiter schreiben, das wäre was. Klar, das wäre immer gut. Würde ich auch immer tun, wenn es so leicht wäre. Dann zumindest einen Blogeintrag. Ja, ich dachte wirklich zumindest. Tut mir leid.

Das hier ist nicht zumindest ein Blog. Es ist mein Blog. Alles was ich hier schreibe ist auf die eine oder andere Art wertvoll. Nicht unbedingt auch für andere, aber doch immer für mich.

Und jetzt sitze ich hier und schreibe einen Blogeintrag. Und weshalb? Weil ich zwischenzeitlich auch mein Manuskript geöffnet hatte. Ich habe das neunte Kapitel fertig geschrieben und die 200-Seiten-Marke gesprengt. Es sind immer noch zwei kurze Kapitel bis der erste Teil fertig ist, aber 200 Seiten, Leute! Das macht mich gerade wirklich verdammt stolz. Und damit habe ich dann auch etwas, das ich in mein Tagebuch schreiben kann. Und so haben sich alle Probleme des Vormittags in Wohlgefallen aufgelöst. Hach…

Borderline

Komm, geh weg

Diese dünne Line hier hält mich fest, lässt mich nicht los
Ein seidenes Drahtseil, gespannt über dem klaffenden Maul einer Welt,
die mehr Klauen und Zähne hat, als es mir gut tut

Tut es not? Tut es weh?
Schubst du mich? Fängst du mich?

Der erste Schritt ist nicht viel mehr als ein Zucken nach vorne
Diese dünne Linie zwischen dir und mir schneidet sich in meine Füße,
färbt sich mit dieser verhassten Farbe, der einzigen, die ich liebe

Siehst du das? Siehst du mich?
Will ich das? Was will ich?

Liebe, Herzblut, Wut, Gefahr,
alle Schattierungen von Rot liegen zwischen uns,
auf meinem Weg vom Heute zu dir

Schwanke ich? Schwankt meine Welt?
Mal links? Mal rechts?

Luft anhalten, Augen schließen
Mann über Borderline
Kein Netz, kein doppelter Boden

Tat es not? Tat es weh? Ja, tat es
Hast du mich geschubst? Hast du mich gefangen? Beides,
wenn ich es brauchte

Ich schneide diese dünne Linie entzwei, die zwischen uns lag,
diese Erinnerung an das, was zwischen mir liegt
Ein Schritt über meine eigene Grenze als Reise meines Lebens

Komm, lass uns hier weggehen

 

#grenzenlos (Das fünfte Wort für das Projekt *.txt 2018)