Fick dich

Fick dich. Sagt man nicht, oder? Aber eigentlich schon. Ich sage es gerne zu Dingen, die nicht so funktionieren, wie ich es gerne hätte. Zu Menschen so gut wie nie. Sollte ich wohl auch besser nicht. Würde ich aber manchmal so gerne. Meistens schwirrt mir ein Fick dich im Kopf herum, weil mir einfach etwas stärkeres fehlt. Die Botschaft eines klaren Autokopulationsbefehls ist so schön unmissverständlich, aber eben manchmal schon nicht mehr stark genug.

Aber egal, sowas sagt man je eh nicht. Man denkt es sich im Alltag, man weiß ja über die anderen Menschen auch nicht genug, sich solch ein Urteil zu erlauben, oder? Deshalb sage ich auch nie Dinge wie

Fick dich, wenn du wirklich glaubst, irgendetwas, das über Whatsapp geregelt wird, kann nicht warten, bis du deine Scheißkarre geparkt hast.

Fick dich, wenn du meinst, es nötig zu haben, andere fertig zu machen, weil sie weniger haben als du.

Und fick dich auch, wenn du das mit Leuten machst, die mehr haben. Krieg halt deinen Arsch hoch und mach was.

Fick dich, wenn du am Handy hängst und vollkommen ignorierst, dass dein Kind die ganze Bushaltestelle ableckt.

Fick dich, wenn du deinen Müll einfach auf die Straße wirfst. Überall stehen Mülleimer, du Pfosten. Und das hat nichts mit rebellisch zu tun, sondern mit abartig!

Fick dich, wenn du andere allein aufgrund ihres Aussehens bewertest und behandelst.

Fick dich, wenn du nicht akzeptieren kannst, dass andere auf andere Dinge stehen oder an andere Dinge glauben, als du. Du musst ja keine Schwänze lutschen oder Gebete sprechen, wenn du nicht willst.

Ach, es gibt einfach so viele Situationen, in denen man sowas einfach nicht sagt. Gehört sich ja nicht. Ehrlichkeit ist zwar eine Tugend, aber Höflichkeit hat sich durchgesetzt, weil es eben auch eine Tugend ist, andere nicht dazu zu verleiten, einem aufs Maul zu hauen. Schade eigentlich, denn manchmal würde es sich lohnen.

Advertisements

Ein Hoch auf unsere Schulen!

Und dann steht man da, vor einer zehnten Klasse, die gerade in den Saal strömt. Sie kommen gerade zur ersten Stunde. Draußen ist es dunkel, windig, der Regen unangenehm kalt, 5°C das höchste der Gefühle. Die Hälfte der Mädchen hat wahlweise Waden, Bauch oder Schultern entblößt, die Jungs unterhalten sich ausgelassen über Sport und Videospiele und schenken den Klassenkameradinnen keine Aufmerksamkeit. Einige von ihnen wird das erst recht anmachen und das wissen sie. Als auffällt, dass neben dem Lehrer noch jemand steht – ein Fremder, der wohl keine Authoritätsperson an der Schule ist – werden Witze in einer Lautstärke durch den Saal getuschelt, die einige Dezibel über meiner normalen Gesprächslautstärke liegt.

Auftritt Lehrer: Über die Bühne, die aus dem vorderen Teil des Klassenzimmers besteht, geht er zu seiner Position. Er kennt sie schon lange, den Stern auf dem Boden braucht er nicht mehr. Stille. Wie dressierte Pinguine stehen die zu Beschulenden da und haften ihre Blicke an den Lehrer. Sein „Guten Morgen“ wird mit einem in die länge gezogenen „Guuuuteeeeen Mooorgeeeen, Herr …“ beantwortet. In der 10. Klasse! Dann setzen sich alle und das vorangegangene Chaos beginnt wieder anzuwachsen.

Der Fremde wird vorgestellt, was die meisten nicht hören. Erst als er selbst kurz etwas lauter wird, sichert er sich ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit. Formulare ausfüllen, okay. Freiwillig, yeah! Muss man also nicht.

Parallel verlangt der Lehrer, die Hausaufgaben zu sehen. In alphabetischer Reihenfolge wird jeder aufgerufen, kommt nach vorne und zeigt sein Heft vor. In der 10. Klasse! Einige sind durchaus bereit, das ausgeteilte Formular für diesen fremden Typen auszufüllen, immerhin passiert ihnen ja nichts. Nur bei kleineren Unklarheiten wird nachgefragt. „Darf ich mein Handy rausholen, um nach der Nummer zu schauen“, fragt eine Schülerin. Darf sie. Der nächste meldet sich. „Darf ich mein Handy rausholen, um nach der Nummer zu schauen?“ Auch er darf. Nach der dritten inhaltlich gleichen Wortmeldung verschafft der Lehrer sich Gehör und gibt allen diese Erlaubnis. Wenn es danach wieder ausgeschaltet in der Tasche landet. Der einzige Schüler, der sein Handy nicht auf dem Tisch liegen hat, fragt zwei Minuten später, ob er es rausholen darf, um nach der Nummer zu schauen. Auch langsame Schüler kommen in die 10. Klasse. Dann kommen langsam die weiteren Fragen zu Angaben, von denen man ja nicht erwarten kann, dass die jungen Menschen sie einfach so ausfüllen können. Postleitzahl, Straße, Hausnummer. In der 10. Klasse! Auch die Festnetznummer wird beim Lehrer erfragt, sowas nimmt nur wichtigen Speicherplatz auf dem rosa iPhone ein.

Nachdem verschiedene Fragen noch ein paar mal beantwortet wurden, ist alles erledigt. Diese komischen Formulare werden eingesammelt und der komische Fremde verschwindet, bedankt sich sogar noch und wünscht viel Erfolg weiterhin. Braucht man nicht. Ob man die eigene Adresse weiß oder nicht, interessiert doch keinen, wenn man erstmal Bankkaufmann oder „Elektriger“ ist. Außerdem kann man ganz toll im Chor „Guuuuteeeeen Mooorgeeeen“ sagen, das reicht ja wohl als Qualifikation. In der 10. Klasse!

Meine Freunde auf der Straße

Ich fahre gerne Auto. Das bedeutet nicht, dass ich jede Distanz fahren muss, die die Länge meiner Spritschleuder übersteigt, aber eine Autofahrt unter den richtigen Bedingungen kann etwas wahnsinnig Entspannendes haben. Nur wann hat man die mal? Und obwohl ich ein ruhiger und eher gemäßigter Fahrer bin (ich glaube, ich habe noch nie die ganzen 250 km/h aus der Spritschleuder rausgequetscht), gibt es Dinge im Straßenverkehr, über die ich mich einfach jedes Mal aufregen kann.

Da sind zum Beispiel die militanten Datenschützer, die selbst im Straßenverkehr scheinbar der festen Überzeugung sind, dass niemand das Recht hat, etwas über sie zu erfahren. Standardmäßig heißt das, dass man nicht blinkt, weil es andere ja schließlich nichts angeht, wohin man will. Als Steigerung kann man sich dann noch rechts einordnen, um links abzubiegen (gezielte Desinformation, um den Feind zu verwirren), oder eben erst im letzten Moment – wenn überhaupt – auf die Abbiegerspur fahren. Will man komplett unter dem Radar bleiben, verzichtet man auch auf jegliche Beleuchtung. Straßenlaternen und die armen Narren, die jedem zeigen, wo sie sind und wo sie hin wollen, sorgen für genug Licht im Dunkeln, dass auch Menschen, die ihre Privatsphäre schätzen, sich orientieren können.

Eine Stufe weiter sind da die Autofahrer, die nicht nur ihre Privatsphäre, sondern auch ihre Entscheidungsfreiheit lieben und demonstrieren wollen. Wieso soll man sich schließlich von einer gesichtslosen Regierung vorschreiben lassen, wie schnell man sich fortbewegt. Zu diesem Zweck gibt es in der entsprechenden Szene, in der der Mensch noch Mensch sein darf, ohne die Überwachung von außen, spezielle Umrüstkits für Freiheit und Privatsphäre. Dabei wird der Blinkerhebel entfernt, das Abblendlicht passwortgeschützt (Fernlicht bzw. Lichthupe nicht, die braucht man für orange Ampeln und die linke Spur) und das stufenlose Gaspedal gegen einen binären Schalter getauscht. Fahrer mit diesem Kit erkennt man zum Beispiel daran, dass sie an der Ampel davonrasen, nur um mit einer Vollbremsung an der nächsten – 70 Meter entfernten – Ampel wieder anzuhalten (für den Stadtverkehr ist der binäre Gasschalter eher ungeeignet). Ähnlich verhält es sich auch in der Nähe von stationären Blitzern in geschlossenen Ortschaften, wobei ich glaube, dass es hierfür einen speziellen Knopf gibt. Ampel wird orange – 30 – 50 – 70 – 90 – BLITZER! – Vollbremsung – 49 – gequält wird ausgeharrt, bis der Blitzer im Rückspiegel erscheint – 90 bzw. 110, um etwas verlorene Zeit aufzuholen. Wichtig bei der geschwindigkeitstechnischen Rebellion gegen den Staat ist es nämlich auch, bei der kleinsten Präsenz der Staatsmacht oder ihrer Überwachungsdrohnen, den Schwanz einzuklemmen, damit man bloß nicht erwischt wird.

Es gibt noch mehr tolle Arten von Autofahrern, z. B. die Entschleuniger, die den Menschen um ihnen herum Gutes tun wollen, indem sie etwas Tempo aus unserem gehetzten Alltag nehmen. Und wie geht das besser, als grundsätzlich 30 km/h unter der erlaubten Geschwindigkeit zu fahren? Oder die Rollenspieler, die in ihrer Phantasie wahlweise ein Hindernisrennen fahren und deshalb Ampeln und anderen Autos auch mal über den Bürgersteig ausweichen oder sich vorstellen, einen Panzer zu fahren, der natürlich so breit ist, dass man mindestens anderthalb Spuren braucht. Generell gibt es heutzutage einfach zu wenige Menschen, die sich die Phantasie eines Kindes bewahrt haben. Und ja, die Rollenspieler gibt es auch unter Fahrradfahrern, aber das ist ein anderes Thema.

So, das waren dann nur mal die netten Kollegen, die mich in der letzten Woche beglückt haben. Ab und zu muss sowas einfach mal raus. Vielen Dank.

Was noch kommt

Freunde, das Jahr neigt sich seinem Ende zu und es ist wieder einmal Zeit für Riten, Bräuche, Traditionen, wie auch immer man es nennen will. Es werden Bilder vom ersten Schnee gepostet, die gleichen Beschwerden wie jedes Jahr (auf der einen Seite das nass-kalte Wetter auf der anderen die geheuchelte Fröhlich- und Freundlichkeit) und auch die Adventskalender dürfen nicht fehlen. Die billigen mit Schokolade, die mit Spielzeug, die selbst gebastelten, die mit tollen Preisenfür jeden Tag  oder die immer positiven, noch nie dagewesenen inspirierenden Zitate zur besinnlichen Weihnachtszeit. Dazu gibt es Unmengen der immer gleichen Kekse in den Geschäften und Weihnachtsmärkte, die sich durch ganze Städte ziehen und in ihrem Glühwein-Kekse-„Handgemachtes“-Glühwein-Kekse-Kastanien-Rhythmus die Menschenmassen anziehen. Dann natürlich noch die Weihnachtsfeiern, egal ob beruflich oder privat, auf denen man endlich mal mit all den Leuten zusammen ist, mit denen man den Rest des Jahres einfach nicht dazu kommt. Wieso nicht? Ist doch egal, Weihnachten! Und irgendwann dann Silvester. Menschen auf der ganzen Welt wechseln sich damit ab, wie dressierte Affen runterzuzählen und immer wieder ist ein super Erlebnis, bei dem man einfach dabeigewesen sein muss. Erinnert ihr euch noch an dieses eine Silvester mit dem Krach, Alkohol, Dinner for One und The Final Countdown? Davon werden wir unseren Enkeln noch erzählen. Und was für bessere Menschen wir jedes Jahr wurden, nur weil wir es uns am 31.12. vorgenommen hatten. Hach, Kinder…

Was wäre die Weihnachtszeit bzw. der Winter nur ohne das alles? Und genau deswegen gibt es auch hier die jährlichen Bräuche. Die kleinen „Traditionen“, denen ich folgen kann, ohne mich so zu fühlen, als würde ich mich selbst verraten, weil sie aus etwas bestehen, das ich sowieso gerne mache: Schreiben.

Der obligatorische Jahresrückblick wird also auch in diesem Jahr noch folgen und wie schon 2016 wird es auch einen separaten Eintrag darüber geben, was ich in diesem Jahr gelesen habe. Beim allgemeinen Jahresrückblick bin ich mir nicht ganz sicher, wie er aussehen soll. Ein Frage-Antwort-Spiel wie im letzten Jahr würde mir wohl ganz gut gefallen. Mal sehen, was daraus wird.

‚So ein‘ Montag

Montag. Nicht unbedingt der spannendste aller Tage und in meinem Job sowieso nicht. Abgesehen davon, dass ich das Wochenende vorziehe, gibt es aber für mich auch keinen Grund, Montage zu hassen. Also so generell. Tage sind da wie Menschen: Es gibt viele und die meisten sind mir egal. Manche sind toll und einige wenige schaffen es, mich zu nerven. So ein Tag ist heute. Zumindest teilweise, aber ich brauche gerade einfach etwas, über das ich schreiben kann xD

Anfang September waren die Kollegin und ich auf einer Sitzung zum aktuellen Stand unseres Projekts. Wie immer haben wir das Protokoll geschrieben, um es dann zunächst zur Kontrolle weiterzuleiten (gewisse Stellen wollen nicht, dass unvorteilhaftes im Protokoll steht, wollen es aber auch nicht selbst schreiben) und dann mit der Einladung zur nächsten Sitzung an alle Teilnehmer zu schicken. Das Erstellen des Protokolls dauerte zwei Stunden. Das Warten auf den besprochenen Anhang dauerte zwei Wochen. Dann ging es Ende September zur Kontrolle. Eine Rückmeldung kam keine.

Heute ging die Einladung rum, zusammen mit unserem Protokoll und prompt kamen zwei Rückmeldungen: Stelle A hätte da noch Hinweise, dass sie gewisse Dinge zunächst einmal nur prüft, die bitte ins Protokoll sollen. Nein. Nach über einem Monat ist es jetzt raus an alle, also heul leise. Stelle B hat für nächste Woche keinen Raum gebucht, aber höchstwahrscheinlich einen Ersatz gefunden, man meldet sich nochmal. Ganz großes Tennis. Vielen Dank für ihre Mitarbeit.

Zwischen 12 und 16 Uhr

Sind die Zeitfenster für das Erscheinen von Handwerkern / Technikern / Lieferanten nicht etwas schönes? Nein, richtig.

Unsere neue Küche ist super, doch ein kleines Teil am Überlauf an der Spüle ist nicht ganz so super. Ein 90°-Winkel, der eigentlich aus einem Teil bestehen sollte, besteht – warum auch immer – aus zwei Teilen und dort, wo diese zusammengesteckt sind, drückt sich Wasser durch. Das haben sich auch zwei Handwerker angesehen, als ich neulich krank war und meine Meinung geteilt. Ein Ersatzteil muss her.

Das sollte nun heute kommen. Zwischen 12 und 16 Uhr. Man würde sich aber eine Stunde vorher bei mir melden. Perfekt. Anstatt den halben Tag zuhause auf einen Handwerker zu warten, der unter Garantie erst gegen 16:30 Uhr kommen würde, kann ich im Büro bleiben und auf den Anruf warten, schließlich brauche ich nur 10-20 Minuten nach Hause.

Eben kam der Anruf dann tatsächlich. Vom Handwerker selbst. Der vor meiner Tür steht. Und nicht warten wird. Wegen Folgeterminen. Von Anrufen weiß er nichts. 12 bis 16 Uhr.

Honk.

Das Ersatzteil ist klein und der Einbau ein Kinderspiel, wenn es das richtige Teil ist, also gebe ich mein Okay, dass er es am Hauseingang deponieren kann und werde es nachher selbst installieren. Die Alternative wäre ein neuer Termin, bei dem ich vielleicht nicht das Glück eines ‚kleinen‘ Zeitfensters von nur vier Stunden haben würde.

Und ich weiß nicht einmal, über wen ich mich mehr ärgere: Den Handwerker selbst, den Kerl, der den Termin mit mir ausgemacht hat oder mich selbst, weil ich eigentlich genau wusste, dass dieses „wir melden uns eine Stunde vorher“ nicht funktionieren würde.

Unfähiges Volk.

Kitchen fail

Im Juli haben die Liebste und ich eine Küche bestellt. Nach vier Wochen im neuen Zuhause werden wir langsam ungeduldig und da uns ursprünglich auch eben diese 38. Kalenderwoche als potentieller Lieferzeitraum angegeben wurde, habe ich gestern angerufen, um mich mal zu erkundigen, wann wir vielleicht mit dem guten Stück rechnen können.

„Ja, da ging am 13. September ’ne Mitteilung an Sie raus, dass Sie sich bei unserem Lager melden sollen, um ’nen Termin auszumachen.“

Zum Glück hat mich das so perplex gemacht, dass die Flüche, Beleidigungen  und was weiß ich nicht noch alles nicht den Weg von meinem Hirn zu meinem Mund gefunden haben.

Aha. Das heißt also?

„Ja melden Sie sich bei unserem Lager.“

Wenn ich vielleicht noch die Nummer haben könnte!?

Die nächste Kompetenzbestie hat sicher das Freundlichkeitsseminar geschwänzt, war aber sowieso nicht der richtige Ansprechpartner. Aber dieser telefonierte gerade, also wurde mir ein Rückruf zugesichert. Wie mir auch vor zwei Monaten eine Benachrichtigung zugesichert wurde.

Nach einer Stunde Warten fing ich nochmal an, anzurufen. Zuerst besetzt, dann gar nicht mehr erreichbar, vermutlich Feierabend. Also versuche ich es heute wieder. Und ich muss unbedingt daran denken, nach der Art und Weise dieser ominösen Benachrichtigung zu fragen. Vielleicht ist die Bieftaube unterwegs verendet oder der berittene Bote steht im Stau. Vielleicht hat man es aber auch einfach verpeilt, weil man n verkackter Scheißverein ist!

Oh, ich bin ja so gespannt, ob ich da heute mal eine gescheite Information aus jemandem heraus kriege.

Werbung…

Seien wir doch mal ehrlich: Niemand mag Werbung. Klar, es gibt manche coole Werbespots mit echt guten Ideen und mit viel gutem Willen kann man auch noch das ein oder andere Plakat als gelungen ansehen, aber hier im Neuland™ will man doch keine Werbung sehen, oder? Ad-Block gehört quasi schon zur Standardausstattung und die tausenden Mails dieser notgeilen Hausfrauen aus meiner Gegend, die mir verraten wie ich jeden Tag 4000€ verdiene und meinen Schwanz endlich größer und dicker bekomme, die lese ich schon gar nicht mehr.

Nur auf dem Handy, da nehmen wir Werbung in Kauf, oder? Hier und da eine kleine Einblendung in einer App, dafür spart man sich die 79 Cent für die „Premium“-Variante. Funktioniert. Ich persönlich habe bisher noch kein einziges Mal Geld für eine App ausgegeben. Solange die Werbung nur dort auftaucht, wo man es quasi gewohnt ist und sie verschwindet, sobald man die App wieder schließt, ist ja alles okay.

In der letzten Woche ging es allerdings los, dass mein Handy auch auf dem Homescreen Pop-Ups anzeigte und ich konnte mir einfach nicht erklären, warum. Ich habe Schritt für Schritt fast alle Apps deinstalliert, am Montag dann sogar alles auf Werkszustand zurückgesetzt; ohne Erfolg. Erst heute habe ich dann aus Zufall Touch Pal angeklickt und dort ein Werbefenster gesehen, das mir bekannt vorkam. Kurz gegooglet und siehe da: Scheinbar hat HTC aktuell Probleme, weil die Tastatur-App die Kunden mit Werbung nervt. Mein Handy ist zwar nicht von HTC, aber ich benutze auch die Tastatur nicht, also habe ich mal alle Updates deinstalliert und die App deaktiviert. Jetzt hoffe ich, damit endlich das Problem gelöst zu haben. Falls nicht, muss ich doch noch die SD-Karte formatieren. Danach fällt mir dann nichts mehr ein.

Angenehme Nachtruhe

Natürlich gehen Dinge im Haushalt zu den ungünstigsten Zeiten kaputt, man kennt das ja. Normalerweise gehöre ich zu den Leuten, für die es keine sonderlich ungünstigen Momente gibt. Kühlschrank kaputt? Ich hab einen zweiten. Mikrowelle kaputt? So dringend musste ich noch nie etwas aufwärmen, dass ich nicht warten kann, bis ich eine neue gekauft habe. Abfluss undicht? Eimer drunter, kurz googlen und das Nötige im Baumarkt besorgen. Alles kein Problem.

Irgendwann einmal habe ich auch mal einen Spülkasten repariert, soviel weiß ich noch. Aber abends um elf? Vor allem einen dieser – in solchen Momenten – maximalst unpraktischen Unterputzspülkästen? Vielleicht könnte ich ihn reparieren, solange nichts undicht ist, immerhin habe ich die Verkleidung abbekommen, aber er ist in meiner Wand. Und bewohnt. Und ja, ich habe lähmende Angst vor Spinnen… bäh. Morgen erstmal den Vermieter anrufen, der soll sich darum kümmern. Um den Spülkasten, nicht um die Spinnen xD

Und dann klingelt es hier auch noch! Um halb zwölf! Ich gehe erst beim zweiten Mal an die Gegensprechanlage. „Polizei, wir müssten kurz mit Ihnen sprechen“… Na super. Irgendjemand, den ich nicht kenne, wird wohl vermisst und hat scheinbar vor, sich umzubringen. Die Mutter hat der Polizei zwei Namen genannt und jeder, der hier in der Gegend so heißt, wird jetzt kurz besucht. Klar müssen die ihren Job machen und meinen es gut, aber ich bin gerade einfach nur noch genervt von allem. Und in weniger als sechs Stunden klingelt mein Wecker…

www.ausraster.de/leckmichamarsch

Das Internet ist eine tolle Sache, wirklich. Ich kaufe hier viel ein, lese viel, lerne Menschen kennen, höre Musik oder schaue Filme. Meine Bankgeschäfte erledige ich auch schon lange nicht mehr am Schalter und ich werde mit Sicherheit nie einen Restaurantführer oder ähnliches kaufen. Online kann man einfach alles erfahren und das ist super. Und bedenklich. Und scheiße. Und OH MEIN GOTT, SEID IHR DENN WIRKLICH SO UNENDLICH DÄMLICH!?

Name, aktuelle Fotos, Aufenthaltsort, Alter, Geburtsdatum, Wohnort, Schule / Uni / Arbeitsstelle, Verdienst, bevorzugte Marken, Hobbies, Kleidungsstile, Wohnungseinrichtung, Luxusgüter, Musikalische Vorlieben, Lieblingsbands, Lieblingsfilme und – serien, Einstellung zu Religion und Glaube, Politische Einstellung, gewählte oder unterstützte Parteien, Krankheiten, Beeinträchtigungen und Störungen, Sexuelle Orientierung und Identität, sexuelle Vorlieben und Erfahrungen, Sexualpartner, Angaben zum Freundeskreis, Abonnierte Dienste, Planung des Alltags, Bevorzugte Geschäfte, Ernährungsgewohnheiten, Persönliche Differenzen mit anderen, Bilder und alle möglichen Angaben zu den eigenen Kindern (!)

Das sind alle Angaben, die junge und alte Menschen im Zeitalter von Facebook, Snapchat, ask.fm oder Twitter gerne mit jedem teilen. Sicher sind die, bei denen alle genannten Punkte zutreffen, eher selten, aber „eher selten“ ist immer noch zu oft, zumindest wenn man mich fragt. Ich gebe auch vieles von mir preis, das will ich gar nicht bestreiten, aber ich bin mir dessen bewusst.

Viele andere allerdings anscheinend nicht. Die, die heute noch Einträge nach dem Motto „Keine Kinderfotos in Sozialen Netzwerken“ teilen, posten im Frühling wieder Bilder ihrer Bälger auf dem Spielplatz und im Planschbecken. Als das Spiel neu erschienen ist, haben erst einmal jede Menge #PokéMongos mehr oder weniger indirekt ihre Adressen gepostet, weil da direkt ein PokéStop ist. Solche Sachen haben im Internet meiner Meinung nach nichts verloren.

Und viele der anderen oben aufgeführten Punkte scheinen hauptsächlich dazu zu dienen, sich eine eigene Schublade zu bauen und sie schön auszupolstern, damit man es sich dort bequem machen kann. Und natürlich um klar zu machen, dass man ein Individuum ist. Ja, so wie alle anderen auch!

Wenn du dich thematisch nicht explizit darauf spezialisierst, spielt es keine Rolle, ob du Fleisch frisst oder Steine. Ob du jedes Wochenende zehn Mädels fickst oder am Glory Hole Schwänze lutschst. Und ob du dich als männlich, weiblich, beides, Bürostuhl oder Hubschrauber identifizierst tut auch nichts zur Sache. Alle Menschen sind gleich, vor allem die, die immer und überall klarstellen müssen, wie anders sie sind. Argh!

Ich finde das Internet wirklich toll und ich werde es auch weiterhin nutzen, aber für meinen eigenen Seelenfrieden werde ich wohl meine Nutzungsfrequenz von Sozialen Netzwerken noch weiter senken müssen. Und ja, viele werden das hier nicht so sehen wie ich. Und vielen wird spätestens jetzt auffallen, dass das alles ziemlich zusammenhanglos ist. Aber manchmal muss man einfach mal ausrasten.

Danke.