Rückblick auf den Monat September 2021

Und schon wieder muss ich erst am letzten Tag des Monats spazieren gehen, um daran zu denken, diesen Monatsrückblick zu schreiben. Manchmal wüsste ich echt gerne, nach welcher Logik mein Verstand funktioniert. Die meiste Zeit bin ich eigentlich ganz froh, es nicht zu wissen; manche Sachen sollte man einfach nicht hinterfragen.
Andere wiederum sollte man hinterfragen. Regelmäßig am besten. Unser Bild von uns selbst ist nicht mehr als eine Momentaufnahme und ehe man sich versieht, ist es ein veraltetes Bild, eine blasser werdende Erinnerung an bessere (oder schlechtere) Zeiten.

Im September habe ich den ein oder anderen Aspekt meines Selbst und meines Lebens neu betrachtet und in manchen Fällen auch bewertet. Vielleicht geht es nicht allen Menschen so, doch für mich persönlich habe ich festgestellt, dass das hin und wieder einfach sein muss, um sich selbst nicht zu fremd zu werden.

Der Junge mit dem Dachschaden

Der war ich früher einmal. Ich war aber auch der Junge, der irgendwann zu seinem Arzt ging, um sich beraten zu lassen, als dieser Drang, sich selbst zu schneiden oder anderweitig zu verletzen, zu oft kam und immer klarer wurde, dass dieser Schmerz den anderen nicht verschwinden lässt. Ich war der, der halluzinierte, der sich in seinen Träumen (und um ehrlich zu sein nicht nur dort) mit den Stimmen in seinem Kopf unterhielt und der bis zum heutigen Tage hin und wieder dieses „High place phenomenon“ oder auch den (und der Ausdruck gefällt mir besser) „Call of the Void“ verspürt. Und das ist noch lange nicht alles.
Man könnte also sagen, ich bin ziemlich kaputt. Und es gab mehr als genug Gelegenheiten, die mir das klarmachten und mich gleichzeitig daran erinnerten, dass es wohl nicht okay ist, so zu sein, wie ich bin. Vorwürfe, ich würde eine Show abziehen, um im Mittelpunkt zu stehen, zum Beispiel. Als ich meiner Mutter erzählte, dass ich zu einer Therapeutin möchte und wieso, hat sie danach alle angerufen, die sie kennt, um zu klagen, wie schwer sie es doch mit so einem Sohn hat. Auch das Buch darüber, wie man mit jemandem zusammenlebt, der eine multiple Persönlichkeit hat, das meine Ex-Frau versteckt hatte, hat eher gemischte Gefühle in mir hervorgerufen. Auf sie komme ich aber auch noch im nächsten Abschnitt zurück.

Trotz allem war ich die ganzen Jahre über aber auch jemand, der sich nach einer Sache nicht zu fragen getraut hat: das Autismus-Spektrum. Der Verdacht kam mir tatsächlich schon vor knapp zwanzig Jahren, doch ich habe mich erst in diesem Jahr dazu durchringen können, es bei einem Arzt anzusprechen. Ich war bei einer Psychologin und hatte im September mein Vorgespräch in einer Klinik.
Das war furchtbar auf der einen Seite, doch es war auch befreiend. Allein zu hören, dass mein Verdacht nicht gänzlich unbegründet ist, war schon eine große Erleichterung. Nun warte ich auf einen Termin, die Tagesklinik zu besuchen. Eine 14-tägige Diagnose soll dann eine Erkenntnis liefern.

Ich weiß nicht genau, wie ich auf die Diagnose – egal wie sie ausfällt – reagieren werde. Fragt man mich danach, was ich mir von der Diagnostik erhoffe, antworte ich für gewöhnlich, dass ich mir gar nichts erhoffe. Ich möchte einfach nur Klarheit haben. Vielleicht hilft mir das, einige Dinge in meinem Leben oder Aspekte meiner Persönlichkeit rückblickend besser zu verstehen. Vielleicht reicht es auch einfach für ein „es war nicht meine Schuld“, ich weiß es nicht.
Dass ich diesen Schritt endlich gegangen bin, ist für mich allerdings sehr wichtig. Es ist fast, als wäre der Teil von mir, der sich als Jugendlicher nicht getraut hat, danach zu fragen, endlich erwachsen geworden. Oder zumindest erwachsen genug, sich seiner Angst zu stellen. Und das ist doch auch schon etwas wert, glaube ich.

„Kannst du dir deswegen nicht Hilfe suchen?“

Das war ein Zitat oben erwähnter Ex-Frau. Ich bin mir sicher, dass ich die Situation hier schon einmal beschrieben habe, aber sie fragte mich das, nachdem sie einen pinken Fleck an einem meiner Hemden bemerkt hatte. Nicht vom Lippenstift einer anderen Frau, sondern weil mein Nagellack noch nicht trocken gewesen war.
Von all meinen Vorlieben hat sie die Frauenwäsche (ich bezeichne mich ungern als Crossdresser, da doch auch eine gute Portion Zwangsfeminisierung mit reinspielt) nie verstehen oder akzeptieren können. Dieser Aspekt, von dem sie von Anfang an wusste, war ihr so ein Dorn im Auge, dass sie eben auch solche Sachen sagte, wenn auch nicht oft.
(Beim Schreiben fällt mir auch ein, dass sie darauf bestanden hatte, mein Buch vor ihrer Familie zu verschweigen, weil sie nicht wollte, dass sie wissen, wie ich so „drauf“ bin. Rückblickend finde ich es gut, dieses Werk zu verschweigen, aber damals war es wohl einfach noch ein Zeichen dafür, dass wir nie füreinander bestimmt waren. Egal, das nur als Randbemerkung).

Meine Sexualität war – bis auf wenige Phasen – immer ein sehr wichtiger Teil meines Lebens. Ich liebe es, darüber zu reden und ich bin, wenn ich nicht gerade sehr krank bin oder in einem tiefen Loch stecke (badumm-tss), sehr leicht erregbar und praktisch dauergeil.
Meine Frau ist nicht so. Sie ist auch nicht das perfekte Gegenstück, das meine Vorlieben ergänzt. Aber das ist wiederum etwas, das ich von Anfang an wusste. So wie sie von Anfang wusste, was ich mag. Nach sechseinhalb Jahren hat sie mich deshalb noch nicht verurteilt.

Manche würden sagen, dass jemand wie ich mit meinen Vorlieben, etwas anderes braucht. Und damit ist meistens jemand anderes gemeint. Eine offene Ehe, Seitensprünge oder was weiß ich, um meine Gelüste zu befriedigen. Das alles habe ich nie in Erwägung gezogen. Tue ich auch jetzt nicht.
Ich rede gerne über meine Erfahrungen und Vorlieben, ja, doch bei allem anderen will ich unbedingt meine Frau dabei haben. Weil sie genau richtig ist für mich. Nicht, wenn es rein um emotionsloses Ficken geht, aber das war nie das, was ich von ihr wollte.
Je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir auch, dass die Liebste auch sexuell genau richtig für mich ist. Sie verurteilt mich nicht und ist aufgeschlossen. Vor allem, weil sie mich aufrichtig liebt. Mittlerweile weiß ich, dass das genau das ist, was ich möchte und brauche.

Wir reden auch darüber. Sie kennt meine Gelüste und Sehnsüchte und hin und wieder gibt es eben auch Gelegenheiten, zu denen sie genau die richtigen Stellen meiner Lust kitzelt. Auch so etwas gab es im September und das hat mich dazu angeregt, mir dieses Wirrwarr an Gedanken zu machen, das ihr gerade gelesen habt.

Alltag, Hobbies, Verpflichtungen

Im vergangenen Monat habe ich auch öfter darüber nachgedacht, wie ich meine Zeit verbringe und welchen Nutzen ich daraus ziehe. Ich kann euch sagen, begeistert war ich von den Ergebnissen dieser Überlegungen nicht gerade.
Disziplin ist mein liebstes Jammer-Thema, das weiß wohl jeder, der hier liest. Im September habe ich versucht, mir vor Augen zu führen, was dieser Mangel an Disziplin für mich bedeutet.

Ich wog zum ersten September genau 85 Kilo, so viel wie seit mindestens zwei Jahren nicht mehr. Wenn ich den Schrank in meinem Arbeitszimmer öffnete, lag da ein dicker Stapel Unterlagen. Wohnungskauf, Testament, Vorsorge … nicht gerade unwichter Kram. Im Regal daneben stapelte sich Papier, das geschreddert werden sollte. Seit nunmehr neun Monaten habe ich nichts mehr geschrieben. Dabei habe ich im September schon wieder eine neue Idee entwickelt, zu der ich mir nicht einmal Notizen gemacht habe. Das erhöht die Anzahl der „geplanten“ Bücher in meinem Kopf auf vier. Die beiden Fenster, die in den Sommerferien gestrichen werden sollten, sind immer noch nicht gestrichen.

Mit ziemlich großer Sicherheit habe ich noch einiges vergessen, doch es wird wohl klar, was für Dinge mir da so durch den Kopf gingen und dass sie mich belasten. Kleine Korrektur: Bei nicht allen Dingen belastet es mich, dass sie nicht getan werden. Es belastet mich, dass ich meinen Arsch einfach nicht hochkriege.
Zum Teil möchte ich das auf die irgendwo da oben erwähnte Depression schieben, zum Teil ist es vielleicht auch einfach etwas anderes, das mit mir nicht stimmt, doch im Großen und Ganzen kriege ich es schlicht und ergreifend nicht auf die Reihe, mich zu irgendetwas aufzuraffen.
Im September habe ich jetzt mit kleinen Schritten angefangen. Meine Waage zeigte heute 84,6 Kilo an. Nicht viel, aber immerhin. Der Stapel mit wichtigen Dokumenten liegt immer noch in meinem Schrank. Doch er ist zumindest thematisch und nach Datum sortiert und muss nur noch abgeheftet werden (was ich nicht getan habe, weil die Liebste und ich unseren Papierkram sowieso noch in eine neue Ordnung bringen wollten). Der datenschutzrechtlich relevante Krempel ist zerkleinert und entsorgt.

Das alles ist nicht sonderlich viel, aber es ist mehr als vorher und darauf kommt es an. Mir geht es nicht gut, doch ich merke, dass es mir Stück für Stück besser geht, wenn ich etwas Ruhe und Ordnung in meinen Alltag und meine Umgebung bringen kann.
Von einem Alltag, in dem Hobbies wie Lesen, Schreiben und Videospiele neben Arbeit, Familie und etwas für meine körperliche Gesundheit gut verteilt werden können und es mir gelingt, meinen Fokus auf das zu richten, was ich mir vorgenommen habe, bin ich noch weit entfernt. Doch ich möchte daran arbeiten und wenn ich ehrlich sein soll, ist das vielleicht etwas, das ich mir von der Tagesklinik erhoffe: Einen Anreiz oder eine Idee, in welche Richtung ich mich wenden soll. Nur weil ich mein Ziel kenne, heißt das ja nicht, dass ich den Weg dorthin vor Augen habe.

Der vergangene Monat war für mich also eine Zeit der amateur- und lückenhaften Selbstreflexion. Mir geht es nicht gut, das wusste ich schon seit Monaten. Aber ich bin auch glücklich, das wusste ich seit Jahren. Mir ist aber auch wichtig, dass diese beiden Sachen nichts miteinander zu tun haben.
Ich liebe meine Frau und ich liebe unsere Tochter. Wir haben ein tolles Zuhause und geben unser Bestes, eine tolle Familie zu sein. Was nicht stimmt, liegt irgendwo in mir. Und das will ich angehen. Die Klinik wird ein Teil davon sein, darüber hinaus weiß ich leider noch nicht, was ich zu tun habe. Vielleicht weiß ich ja nächsten Monat mehr.

Ein Gedanke zu „Rückblick auf den Monat September 2021

  1. Boa! Da bleibt mir echt die Spucke weg. Du bist ja schonungslos offen und lässt tiefe Einblicke zu. Ich finds einfach Klasse, dass Du Dich Deiner Angst gestellt hast und diesen Autismusverdacht nachgehst. Und egal was raus kommt, ich bin mir sicher, dass es Dir damit besser geht, denn entweder erklärt das was oder es befreit von einer Angst. Das wenige was ich von Dir weiß führt dazu, dass in Deiner Jugend ja echt einiges schief gelaufen ist, wofür Du nichts kannst. Manchmal tut es gut zu kapieren, dass man leider „Ofer“ ist und kein Schuld hat. Das macht die Situation nicht besser, lässt sie aber von einem anderen Blickwinkel betrachten.
    Danke für die Offenheit.

    Gefällt 1 Person

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