Wut

Ich hatte zunächst überlegt, diesen Beitrag einfach als Teil meines Wochenrückblicks unterzubringen, doch dann fiel mir auf, dass ich ja noch eine Kategorie „Ausraster“ hier rumfliegen habe, in der es bis jetzt eher wenige Beiträge gibt.
Der Grund dafür ist recht simpel: Ich bin mit anderen Menschen sehr geduldig und wenn ich mich dann mal über etwas ärgere, reicht dieser Ärger meist nicht aus, um damit einen ganzen Beitrag zu füllen.
Heute könnte das anders sein.

Die Geduld mit anderen und mit sich selbst

Eigentlich möchte ich mich nicht nur auf Geduld beziehen, doch ich denke, vielen werden das kennen: Anderen sieht man Fehler eher nach, als sich selbst. Man verzeiht ihnen mehr oder geht eher von einem Missgeschick als von purer Unfähigkeit oder sogar einer bösen Absicht aus.
So geht es mir auch. Und wenn ich dann derjenige bin, der etwas falsch macht oder etwas nicht kann, das ich eigentlich können sollte, ärgert mich das.

In solchen Fällen werde ich zunehmend gereizter oder auch frustrierter. Richtig wütend werde ich hauptsächlich durch Schmerzen. Ich weiß nicht genau, wieso, doch vor diesem Punkt, an dem Schmerzen lähmend werden, machen sie mich einfach nur wütend, was – entgegen der Erwartung – nicht dazu führt, dass ich die Schmerzen nicht mehr so stark empfinde.

Was man kann und was man nicht kann (und eigentlich können sollte)

Über die Jahre hinweg gab es viele Situationen in denen ich mich „ungeschickt“ angestellt habe und mir deshalb auf irgendeine Art und Weise wehgetan habe. Ich war dann frustriert wegen meiner Unbeholfenheit und wütend, weil es wehtat.
Diese Situationen häuften sich nach und nach und dieser Umstand ist der Grund dafür, dass ich „ungeschickt“ hier in Anführungszeichen gesetzt habe. Mittlerweile bevorzuge ich nämlich den Ausdruck der Unfähigkeit. Um das zu verdeutlichen, hier eine kleine Auswahl von Aktivitäten, bei deren Ausführung ich oft bis sehr oft Schmerzen habe bzw. mir irgendwie selbst Schmerzen zufüge:

  • Stehen
  • Gehen
  • Liegen
  • Sitzen (oder auch hinsetzen und aufstehen)
  • Schreiben
  • Ein Brot schmieren
  • Essen
  • Lesen (vielleicht aber auch, weil ich das immer wahlweise im Stehen, Liegen oder Sitzen mache; Mit der Levitation bin ich noch nicht so weit)
  • Mich mit Licht und einem Blick dahin wo ich hintrete an Hindernissen vorbeibewegen, die ich extra zur Seite geschoben habe
  • Schuhe anziehen

Und nein, diese Liste ist keine Übertreibung. Die Häufigkeit, in der ich mir mittlerweile bei solchen Tätigkeiten wehtue – und wir reden hier von der Häufigkeit pro Tag, nicht pro Woche oder Monat – ist in meinen Augen auch nicht mit mangelnder Vorsicht zu begründen. Ich sitze vor meinem Laptop und urplützlich tut mir mein Schienbein weh, ohne dass ich mich bewegt oder mich etwas berührt hätte.

Solche Schmerzen sind vermutlich auf etwas Neuronales zurückzuführen, doch sie machen nur etwa 50 bis 60 % der Fälle aus. Dann sind da immer noch die anderen Gelegenheiten, bei denen ich zum Beispiel ein Hindernis sehe, es beiseite räume, darauf achte, nicht dagegenzulaufen und dann volle Kanne drantrete.
Die Situationen in denen so etwas geschieht – schaut auf die Liste oben, ich meine damit keine Extremsportarten – sind so häufig und so alltäglich, dass ich zu der Meinung gelangt bin, nicht lebensfähig zu sein. In einer zivilisierteren Gesellschaft hätte man mich wohl schon längst über die nächste Klippe geworfen oder auf einen hohen Gipfel gebracht, um die Allgemeinheit nicht zu belasten.

Versteht mich nicht falsch: Hätte ich eine Verletzung und chronische Schmerzen oder vierzig Jahre lang körperlich gearbeitet und deshalb ständig Schmerzen, wäre das … nun ja, nicht okay, aber doch etwas anderes. Aber ich werde 34 und kann keinen Tag verbringen, ohne mir bei vollkommen alltäglichen Handlungen wehzutun.
Das stört mich massiv. Und das macht mich wütend. Auf mich, auf meinen Körper, auf meine Unfähigkeit.

Die Wirkung auf andere

Nun ist ja meine Wut auf mich selbst nicht bloß eine Belastung für mich, sondern auch für die Menschen um mich herum, hauptsächlich eben die Liebste. Von ihr höre ich oft, dass ich mich nicht so ärgern soll oder dieses leicht genervte „Soll ich das machen?“.
Ich will ihr gar nicht absprechen, dass sie manchmal zurecht genervt ist. Wenn es für mich schon nervig ist, wieso sollte es dann nicht auch für sie nervig sein? Das kann ich also vollkommen verstehen. Ich habe nur das Gefühl, oft selbst nicht verstanden zu werden, weil ich das Ausmaß des Ganzen anderen so schlecht begreiflich machen kann.

Nein, ich habe mir mal nicht eben auf die Lippe gebissen. Ich habe mir zum zweiten Mal in fünf Minuten auf die Lippe gebissen, nachdem ich beim Weg in die Küche plötzliche Schmerzen im Fuß hatte, gegen den Türrahmen gelaufen bin, mir die Hand angeschlagen habe und beim Weg zurück fast die Treppe hochgefallen bin. Und wahrscheinlich habe ich dann noch die Hälfte der Sachen, die ich holen wollte, in der Küche vergessen, aber die Sachen und Gelegenheiten, zu denen ich etwas vergesse, wären genug Stoff für ein ganzes Buch und sollen hier nicht thematisiert werden.

Hinzukommt, dass ich mich über mich selbst ärgere, weil ich Dinge nicht (oder nicht schmerzfrei) kann, die ich seit etwa 30 Jahren können sollte, zumindest in meinem Verständnis. Mir selbst oder meiner Tochter ein Brot schmieren. Eine Schleife binden. Von einem Raum in den nächsten gehen, ohne sich wehzutun.
Für jemanden, der diese Dinge ohne Probleme auf die Reihe bekommt (also praktisch jeden) muss es wirklich nervig sein, wenn dabei jemand ständig kurz aufschreit und sich (ab einem gewissen Punkt) selbst verflucht. Das kann ich voll und ganz nachvollziehen. Aber ich mache das ja auch nicht zum Spaß.

Wie es damit weitergehen soll

Klippe, Berggipfel und Notschlachten sind keine Alternativen in unserer Gesellschaft, das ist schon einmal klar. Bleibt also der Gang zum Arzt. Normal ist dieser Zustand sicher nicht und einen Einschnitt in die Lebensqualität sehe ich da eindeutig, nicht nur für mich.
Ich brauche also einen Termin und dann einen kompletten Rundum-Check Deluxe. Lust habe ich darauf ja keine, muss ich sagen. Aber was muss, das muss, und ich hoffe, dass ich mit diesem Absatz hier genug Druck auf mich selbst aufbaue, um mich dann auch wirklich darum zu kümmern.

Wir bleiben gespannt.

10 Gedanken zu „Wut

  1. Ich kann mir gut vorstellen, dass das einen wütend macht, sehr wütend sogar. Ich vermute, man kommt sich richtig behämmert vor, wenn man da gegen ein Hindernis läuft, welches man extra, um das zu vermeiden, weggestellt hat.
    Es ist sicher gut, dass Du mal zum Arzt gehst. Denn so wie du schreibst, scheint es ja nicht nur Unachtsamkeit und Schusseligkeit zu sein.

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      1. Du bist sicher der beste Experte für Dich selbst. Wäre eine sehr subitle Art der Autoagression, würde ich jeztzt als Laie mal so sagen – aber denke, dass wäre sicher auch eine Richtung, in die man denken sollte.
        Mir fällt in dem Zusammenhang „mangelnede Fürsorge“ ein. Spricht das was bei dir an?

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  2. Hast Du schon mal von Dyspraxie gehört? In der Welt war ein Artikel „Das unerkannte Leiden tollpatschiger Kinder“. Einiges von dem, was Du schreibst, erinnert mich so sehr an diesen Artikel.
    Und es betrifft ja nicht nur Kinder. Wer als Kind z.B. Legastheniker ist, ist es ja auch noch als Erwachsener…
    Auszug aus dem Artikel:
    „Dyspraktiker haben große Probleme, sowohl fein- als auch grobmotorische Bewegungen zu planen, auszuführen und zu verinnerlichen. Während andere Menschen Dinge automatisch tun, müssen sie über jeden einzelnen Schritt nachdenken. Das führt dazu, dass banale Handlungen bei ihnen viel länger dauern oder misslingen – und dass sie als ungelenk und unaufmerksam abgestempelt werden, weil niemand ein Handicap dahinter vermutet.“
    Ich weiß, Diagnosen aus dem Internet braucht kein Mensch, aber ich wurde von deinem Beitrag so sehr an diesen Artikel erinnert… ich drücke Dir die Daumen, das der Arzt dir gut zuhört!

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    1. Und auch noch dieser Teil aus dem Artikel:
      „Auch das Gefühl für Körper und Raum ist gestört: Dyspraktiker rempeln häufig an, stoßen Dinge um, greifen daneben oder stolpern über ihre eigenen Füße.“ Ist das nicht genau das, was du im Beitrag beschreibst?

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