Das Unglück anderer Leute

Ein toller Titel, oder? Ich weiß nicht, wieso, aber mich hat er direkt neugierig gemacht. Änhlich wie der Film Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung, den ich allein wegen des Titels irgendwann mal noch sehen möchte.

Das Unglück anderer Leute jedenfalls stammt aus der Feder (wie lange wird es wohl dauern, bis der Durchschnittsbürger nicht mehr versteht, was es mit dieser Feder auf sich hat? Oder wieso das Speichern-Symbol in Office so aussieht, wie es nun einmal aussieht?) von Nele Pollatschek. Kannte ich vorher nicht. Ist aber auch egal. Sie hat mich neugierig gemacht und das schaffen viele andere nicht. Schon einmal ein Punkt für Frau Pollatschek.

Also gut, worum geht es?

Konfliktlösung und Wahrscheinlichkeit

Thenes Mutter Astrid ist … anstrengend. Die Sorte Mensch, die immer ihrem eigenen Kopf folgt. Über die Jahre hinweg hat sie es sich anscheinend zur Gewohnheit gemacht, ihre Tochter zu enttäuschen und diese hat es sich zur Gewohnheit gemacht, nichts daraus zu lernen.

Und weil das nicht genug ist, sind da noch Halbgeschwister, Väter, ihre Ehemänner und Eltern und keiner in diesem großen, aber eher losen Netz der Familie scheint auch nur ansatzweise normal zu ticken.

Das macht uns Thene, als Erzählerin, deutlich, als pünktlich zu ihrem Abschluss in Oxford ein Todesfall in der Familie sie alle zusammenbringt und eine Reihe von Ereignissen lostritt, über deren Wahrscheinlichkeit man wohl selbst noch eine Doktorarbeit schreiben könnte.

Höre ich da ein leises Mimimi?

Eines vorweg: Ich mochte das Buch und habe es in einem für mich recht flotten Tempo durchgelesen. Das spricht auf jeden Fall für Das Unglück anderer Leute.

Aber: Ich muss auch zugeben, dass ich Thene recht schnell recht unsympathisch fand. Vom ersten Kapitel an, bis kurz vor Schluss, wird eine Geschichte erzählt, die ein bisschen tragisch, aber eben auch ein sehr unterhaltsam ist. Die Geschichte einer kaputten Familie, die von Thene als Beobachterin beschrieben wird.

Thene ist übrigens „verkorkst“. Das könnte man als etwas Negatives ansehen, aber wohl eher doch nicht. Ansonsten ist sie Akademikerin, mag die Natur bzw. Abgeschiedenheit, ist Akademikerin, macht ihren Doktor in Oxford und ist Akademikerin. Ach, und sie mag ihren kleinen Bruder.

Alle anderen in ihrer Familie sind voller Verfehlungen, die Thene groß und breit darlegt, während sie die Geschichte erzählt, die (bis kurz vor Schluss) ebenso gut „Die Fehler anderer Leute (und wie ich darunter zu leiden hatte)“ heißen könnte.

Das alles sorgte dafür, dass ich bis zum Ende von allen Figuren ein viel klareres Bild hatte, als von Thene selbst. Selbst ihr Freund Paul und die Halbschwester Trixie, die beide praktisch keine Rolle spielen, kann ich mir besser vorstellen, als unsere Erzählerin. Das fand ich tatsächlich etwas schade.

Im Großen und Ganzen spielt sie als Erzählerin bzw. Beobachterin aber auch keine wirklich große Rolle. Die anderen Figuren sind interessant genug, um einen bis zum Ende zu tragen, das dann doch ziemlich abgereht wird.

Also lesen oder doch nicht?

Trotz des großen „aber“, das ich oben angeführt habe, würde ich Das Unglück anderer Leute empfehlen. Vielleicht liegt es daran, dass ich eine andere Sicht auf familiäre Beziehungen habe und Thenes Beschreibungen mir deshalb wie reines Gejammer vorkommen, das kann sehr gut sein.

Ich mochten jedenfalls die anderen Figuren, ich mochte die Worte, die die Autorin Thene an die Hand gab, um diese Geschichte zu erzählen und das ein oder andere Bild oder manche Erkenntnis über ihre Mutter Astrid haben mir auch sehr gut gefallen.

Das Buch ist nicht sonderlich lang und es ist ganz bestimmt nicht langweilig. Wenn euch der Titel, der Klappentext oder auch sonst etwas nur ein klein wenig neugierig gemacht haben, solltet ihr es wohl lesen. Im schlimmsten Fall verliert ihr ein oder zwei Nachmittage.

Das Unglück anderer Leute // Nele Pollatschek // Humor // 2016

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s