Montagsfrage #85 – Trendbetroffenheit als Bildungschance?

Eine neue Woche, ein neuer Montag, ein altes Thema: Rassismus. Dazu möchte Antonia wissen:

Welche Bücher, die gegen die Ignoranz und Unwissenheit bezüglich dieses Themas arbeiten, kennt ihr und könnt ihr weiterempfehlen?

Nun bin ich jemand, der die Montagsfragen immer gerne spontan beantwortet, weshalb meine Antwort lautet: Keine.

Trotzdem will ich etwas dazu loswerden, mich auskotzen, sozusagen. Rassismus im Allgemeinen und der gegen Schwarze heute nicht aktueller denn je. Er gehört zu unserem Alltag, so traurig das auch sein mag. Der Mord an Mr. Floyd und wie diese Tat von allen Seiten ausgeschlachtet wird, ist meines Wissens auch nichts Neues.

Es ist das aktuelle Trendthema. Es wird genutzt, um Klicks, Likes und Aufmerksamkeit zu generieren. Aufmerksamkeit für die eigene Person, nicht für gesellschaftliche Missstände (na gut, das auch, aber nur als Nebeneffekt). Aus diesem Grund befasse ich mich mit solchen Ereignissen eigentlich gar nicht.

Man mag mir jetzt die in der Frage erwähnte Ignoranz oder Unwissenheit unterstellen und tatsächlich bin ich wegen meiner offenen Ablehnung dieser Trend-Betroffenheit in den sozialen Medien schon in der Vergangenheit öfter angeeckt. Und ich wage auch zu behaupten, in den vergangenen Wochen keine großartige neue Erkenntnis verpasst zu haben.

Sagen wir es, wie es ist: George Floyd als Person ist mir ziemlich egal. Ich kannte ihn nicht und die Chancen stehen gut, dass er auch nicht wusste, dass ich existiere. Es gibt also absolut keinen Grund für mich, persönlich betroffen zu sein. Ich, als weißer männlicher Mitteleuropäer aus der Mittelschicht, bin ja sowieso die Wurzel allen Übels, wenn man das Internet fragt.

Um auf den Punkt zu kommen: Rassismus hat sehr viel mit Dummheit zu tun, aber eben auch mit Überzeugung. Letzteres ist schwieriger zu bekämpfen. Überzeugungen sind der Grund dafür, dass Menschen glauben, ihre Hautfarbe oder ihr Geburtsland würden sie automatisch über andere stellen, die Erde sei flach oder in sechs Tagen erschaffen worden. Also muss man sich die Dummen heraussuchen, denn zu denen findet man vielleicht noch einen Zugang. Wenn man das denn will.

Hier stand noch einiges mehr. Tatsächlich könnte ich viel zum Thema Hass und auch Trend-Betroffenheit sagen, aber das wäre nicht im Sinne meines Blogs. Ich kann gerne versuchen, gezielte Fragen zu beantworten, falls jemand meine Perspektive besser verstehen möchte, doch ansonsten bleibt nur noch zu sagen:

Hört doch bitte endlich auf, alles und jeden in eine Schublade stecken zu wollen (ja, auch euch selbst). Immer wenn ich lese, dass es irgendwem um Gleichberechtigung oder so geht, habe ich das Gefühl, die Forderungen kommen von einer Person, die sehr darauf bedacht ist, ihre Ungleichheit zu betonen. Deine Hautfarbe, Herkunft, sexuelle Orientierung oder Geschlechteridentität sollte nicht der Grund dafür sein, dass dir jemand mit Hass begegnet, da gibt es keine Frage. Sie sollte aber auch nicht der Grund dafür sein, dass es jemand nicht tut. Du bist ein Mensch, ich bin ein Mensch. Das allein sollte genügen, uns nicht zu hassen.

14 Gedanken zu „Montagsfrage #85 – Trendbetroffenheit als Bildungschance?

  1. Ich habe überlegt, ob ich das Ganze jetz unkommentiert lasse und einfach so tue, als hätte ich es nie gelesen, aber: nein. :-)

    Allein die Verwendung von Begriffen wie „Trendbetroffenheit“ und „Trend-Thema“ finde ich persönlich, mit Verlaub, ein bisschen widerlich. Es mag sein, dass sich vereinzelte „Influencer“ oder „Influencerinnen“ in stylischen Klamotten an den Rand des Protestzuges gestellt haben, um dort medienwirksam Aufnahmen zu machen, die genau den Sinn haben, den Du ansprichst.

    Aber da handelt es sich um eine verschwindend geringe Zahl, die allein ob der Reaktion ihrer ehemaligen „Follower“ auf ihre Geschmacklosigkeiten ihre Präsenz in den sozialen Medien schneller eingestellt haben, als sie #alllifesmatter oder ähnlichen Unfug hätten sagen können.

    Die überwältigende Mehrheit der Menschen – vorrangig natürlich in den USA, wo bei den Protesten bereits mehrere der Menschen, die augenscheinlich nur auf der Suche nach „fame“ waren, zu Tode gekommen sind … – hat allerdings begriffen, dass es sich bei Rassismus um ein nach wie vor vorherrschendes Problem handelt, und dass vielleicht jetzt endlich mal der Zeitpunkt gekommen ist, dagegen vorzugehen. Auch und gerade in Europa, angesichts des Rechtsrucks in den letzten Jahren, und natürlich auch in Deutschland, wo eine rechte Partei in 16 Länderparlamenten sitzt.

    Jedem, der sich dann gegen Rassismus ausspricht und sich mit den amerikanischen Demonstranten solidarisch zeigt, sei es in einem Blog, bei YouTube, oder welchen Social-Media-Plattformen auch immer, vorzuwerfen, dass sie das nur für „Klicks, Likes und Aufmerksamkeit“ tun würden, empfinde ich, ganz vorsichtig formuliert, als üble Geschmacklosigkeit.

    Oh, und was „Du bist ein Mensch, ich bin ein Mensch. Das allein sollte genügen, uns nicht zu hassen.“ angeht: Das Leben findet nicht im Konjunktiv statt. Wir sind vielleicht alle Menschen, aber wir sind nicht alle gleich und wir sollten auch aufhören, so zu tun, als wäre dem so. Aber man darf doch wohl für sich in Anspruch nehmen, dass man nicht wegen sondern trotz der Dinge, die einen Menschen vom anderen unterscheiden, nicht Opfer von Rassismus werden muss.

    Vielleicht verstehe ich Dich auch einfach falsch, aber Deine Äußerungen lesen sich wie ein lakonisches „Rassismus gab es schon immer und wird es immer geben und man muss sich nur die Dummen raussuchen, die ihn ausüben und ihnen erklären, dass Rassismus blöd ist.“ Das wird aber nicht funktionieren. Denn nicht jeder Rassist ist auch gleichzeitig ein dummer oder bildungsferner Mensch. So setzt sich die Führungsriege der AfD beispielsweise aus mehrheitlich klugen, gut ausgebildeten Menschen zusammen. Das schützt sie aber nicht davor, ein menschenverachtendes Weltbild zu haben.

    Und was speziell den Rassismus in den USA angeht, so ist der institutionalisiert und gesellschaftlich gewachsen. Auch da wird es nicht helfen, nur einigen, rassistischen Cops und Hillbillys auf die Finger zu klopfen.

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    1. Aufmerksamkeit für ein solches Thema ist schön und gut, aber du willst mir nicht wirklich erzählen, dass es kein Trend im Sinne von „aktuell reden alle darüber, aber in wenigen Woche wohl nur noch die, die sich WIRKLICH interessieren“ ist, oder? Oder haben wir unterschiedliche Definitionen von Trends?
      Falls es nicht deutlich wurde: Genau diese Trend-Betroffenheit kotzt mich an. Und ja, es ist ein hässliches Wort, aber genau deshalb passt es auch, weil es auch eine hässliche Sache ist.

      Dazu, dass das Leben nicht im Konjunktiv stattfindet: Die Zukunft aktuell schon, denn die SOLLTE anders sein.
      Aber lass es mich umformulieren: Ich bin ein Mensch, du bist ein Mensch. Das allein genügt mir, dich nicht zu hassen. Denn für alles andere trage ich nicht die direkte Verantwortung.
      Dass nicht alle Menschen gleich sind, stimmt natürlich, aber die Dinge, die herangezogen werden, um Unterschiede deutlich zu machen, und der Zweck dahinter, sind einfach lächerlich, wenn es darum geht, anderen Rechte abzusprechen oder sich über sie zu erheben.

      Dann schreibst du „Aber man darf doch wohl für sich in Anspruch nehmen, dass man nicht wegen sondern trotz der Dinge, die einen Menschen vom anderen unterscheiden, nicht Opfer von Rassismus werden muss.“
      Ja, ich hoffe wirklich, dass nicht irgendwo der Eindruck entstanden ist, ich würde das anders sehen.

      Zur AfD und Co.: Vielleicht stand das nur in meiner ersten Fassung, aber da sind wir dann bei den Fundamentalisten. Denen, die wirklich der Überzeugung sind, besser als andere zu sein. Die überzeugt man nicht vom Gegenteil, gegen die muss man wirklich vorgehen. Was dadurch erschwert wird, dass sie oft mächtiger sind.
      Da gab es doch diesen Spruch von wegen, man kann klug und Rassist sein, dann ist man kein guter Mensch oder man kann klug und ein guter Mensch sein, dann ist man aber kein Rassist. Irgendwie so jedenfalls.

      Das Problem ist da und das Problem geht so schnell nicht weg. Dazu stehe ich, das ist ein Fakt. Das bedeutet nicht, dass ich sage „Dann lebt halt damit“. Ich habe lediglich meine Probleme damit, wie Ereignisse, wie wir sie aktuell wieder beobachten können, ausgeschlachtet werden.
      Nochmal, die Aufmerksamkeit ist gut und abgesehen von Konzernen spreche ich auch niemandem ab, dass dahinter nicht tatsächlich eine Ablehnung dieser Missstände steckt. Aber es ist jetzt das große Thema und die meisten derjenigen, die nicht betroffen sind, werden in zwei Monaten oder so wieder andere Probleme haben. Und vielen ist es mit Sicherheit heute schon egal und sie retweeten, rebloggen oder plappern nach, was die teilen, denen sie sonst auch nachplappern.
      Die Aufmerksamkeit ist etwas Gutes, die Motivation dahinter ist fragwürdig.

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      1. Sicherlich wenden sich die meisten Menschen in einiger Zeit wieder anderen Dingen zu, das ist aber noch lange kein Grund nicht JETZT Stellung zu beziehen und zwar nicht aus dem Grund „weil man das gerade eben so macht“. Im Übrigen ist die Tatsache, dass sie sich anderen Dingen zuwenden, eine Frage der Ursachen und, wie Du abschließend richtig feststellst, der Motivation, die da zugrunde liegt. Und ich behaupte einfach mal, dass die Ursache mitnichten darin liegt, dass die Menschen einfach das Interesse an einem Thema verlieren, sondern dass sie sich fürderhin gar nicht ausschließlich mit diesem einen Thema befassen KÖNNEN, es sei denn, es ist ihr Beruf. Das macht aber die Unterstützung, die die Leute den Protestierenden jetzt zukommen lassen kein bisschen weniger wertvoll oder weniger wichtig.

        Wenn sich das „sollte“ auf die Zukunft bezieht, hätte ein erklärendes „zukünftig“ meinem Textverständnis geholfen. ;-)

        Zum „ich hoffe wirklich, dass nicht irgendwo der Eindruck entstanden ist, ich würde das anders sehen.“: Nein, der Eindruck ist nicht entstanden, auch wenn ich „Deine Hautfarbe, Herkunft, sexuelle Orientierung oder Geschlechteridentität sollte nicht der Grund dafür sein, dass dir jemand mit Hass begegnet, da gibt es keine Frage. Sie sollte aber auch nicht der Grund dafür sein, dass es jemand nicht tut.“ unglücklich formuliert finde, weil ich reflexartig dazu schreiben wollte „Natürlich sollte das der Grund sein, warum man niemandem mit Hass begegnet!“, aber ich denke ich habe die Bedeutung erfasst. :-)

        Zur AfD: Eben weil man gegen die vorgehen muss, finde ich es auch so wichtig, dass es hierzulande Proteste gegen Rassismus gibt. Nicht weil man mit den Angehörigen von George Floyd trauert, denn das kann man als Außenstehender nicht, sondern weil sein Tod Symptom eines verachtenswerten Problems ist, das auch hierzulande immer noch en vogue ist und damit man den Schergen der AfD endlich mal sagen kann: Ihr habt eure Zeit gehabt, war putzig mit euch, nun ist aber bald auch mal gut.

        Bezeichnend fand ich übrigens, dass unser Gesundheitsminister sich bemüßigt fühlte, angesichts der Proteste seine Besorgnis hinsichtlich der Abstandsregelungen zu twittern, das aber, zumindest in meiner Wahrnehmung, unterließ als landauf, landab tausende besorgte Bürger, Rechte, VT-Gläubige und Gestörte auf der Straße standen und ihr „Leben wiederhaben“ wollten …

        Und was die Konzerne angeht, so kann man denen, die sich zum Thema Rassismus äußern, sicherlich vorwerfen, das aus Marketingesichtspunkten zu tun, aber wenn man diesen Gedankgengang zu Ende führt, dann landet man dabei, dass Konzerne nichts richtig machen können. Spenden Sie Geld für Aktionen gegen Rassismus, tun Sie es nur aus Werbezwecken, tun sie es nicht, sind sie allein deswegen zu verdammen. Eine klassische lose-lose-situation. Immerhin beteiligen sich Firmen am derzeit laufenden „pride month“ und alleine, DASS sie das tun, ist doch schon mal ein Indikator dafür, dass sich in diesem schönen Land auch positive Dinge tun. Hätte eine Firma sich Anfang der 80er für die Gleichberchtigung von Schwulen und Lesben eingesetzt, wäre das ein betriebswirtwschaftlicher Sebstmord gewesen.

        Es kommt halt immer auf die Motive an, die einer bestimmten Handlungsweise zugrunde liegen, das stimmt, aber die Motive – und das unterstelle ich, weil ich es nicht beweisen kann – sind häufig weniger schlecht, als sie von Dir gemacht werden.

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      2. „Es kommt halt immer auf die Motive an, die einer bestimmten Handlungsweise zugrunde liegen, das stimmt, aber die Motive – und das unterstelle ich, weil ich es nicht beweisen kann – sind häufig weniger schlecht, als sie von Dir gemacht werden.“

        Und quasi nur da sind wir unterschiedlicher Meinung. Und auch nur das ist auch wirklich eine Meinung, über den Rest muss man gar nicht diskutieren.
        Und wenn es um die Aufmerksamkeit geht, kommt es auf die Motive oft auch nicht an. Wer sich weiterhin interessiert, wird es so oder so tun und wer einen Trend mitgemacht hat, hat ihm immerhin etwas mehr Schwung verpasst. Schön und gut, auch wenn man diese Art Motivation nicht mögen muss.

        Und ich kann es ja genauso wenig beweisen. Ich habe einfach eine andere Meinung bzgl. sozialer Medien und ihrer Nutzer. Die tut immerhin keinem weh.

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  2. Hallo Christian,

    es hat etwas mit Empathie zu tun, wenn man betroffen ist, wenn Menschen zu Schaden kommen. Es geht hier aber nicht um ein tragisches Einzelschicksal, sondern um eine grundsätzliche gesellschaftliche Einstellung, weswegen es notwendig ist, generalisierte Missstände aufzuzeigen. Es geht nicht darum, ob irgendein Europäer einen persönlichen Bezug zu den Opfern des Rassismus hat, sondern darum, wie die Gesellschaft dies toleriert.

    Viele Grüße
    Frank

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    1. Und genau da sehe ich – für mich persönlich – ein Problem: Ich habe keine Lust, jeden Tag meine Betroffenheit nach außen zu transportieren. Verdammt, ich habe nicht einmal die Kraft, mich jeden Tag betroffen zu fühlen.
      Genau das müsste ich aber bei diesen generalisierten Missständen. Und ich kann mir auch nicht ein Einzelschicksal aussuchen, das gerade viel mediale Aufmerksamkeit bekommt, um das alles in diese zwei bis sechs Wochen zu kanalisieren.

      Deswegen kein schwarzes Profilbild, kein Eiffelturm als Peace-Zeichen oder Kerzen zum Weihnachtsmarkt.

      Es läuft verdammt viel falsch in dieser Welt und es würde mich kaputt machen, in jedem Moment betroffen zu sein, wenn andere ungerechterweise leiden müssen.

      Es geht also auch nicht um einen Mangel an Empathie. Ich verurteile die Umstände und die Gesellschaften, die sie nicht nur tolerien, sondern teilweise auch gezielt herbeiführen und fördern, ebenso wie du auch (nehme ich einfach mal an).
      Ich mag es nur nicht, wie solche Ereignisse von allen Seiten ausgeschlachtet werden.

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  3. Hallo Chris,

    puh, ich gebe zu, auch ich musste angesichts deiner Worte erst einmal schlucken. Aber ich habe mir ein paar Momente Zeit genommen, darüber nachzudenken, was du da geschrieben hast und mich bemüht, mich in deine Schuhe zu denken.

    Ich bin absolut deiner Meinung, dass Menschen, die die aktuelle Protestbewegung (physisch & digital) für ihre eigene Bekanntheit, Reichweite, etc. nutzen, widerlich sind. Das ist verwerflich, das ist abstoßend, darüber müssen wir nicht diskutieren.
    Trotzdem stoße ich mich daran, dass du durch deinen Text (vielleicht unbeabsichtigt) andeutest, der Mord an George Floyd sei insgesamt ein Trendthema und jede_r, der/die sich jetzt damit befasst, springe nur auf den Zug auf. Das ist natürlich nicht wahr und ich halte dich für intelligent genug, dass du das auch weißt. Der strukturelle Rassismus, der sich im Fall Floyd äußerte, ist für People of Color jeden Tag ein Problem. Für sie ist es kein Trendthema, es ist allgegenwärtige Realität, von der wir als Weiße Europäer nur glücklicherweise nicht betroffen sind. Deshalb ist das Momentum, das dieser Vorfall entwickelt, unglaublich wichtig. Es ist wichtig, weil POC deshalb gehört und gesehen und Weiße mit den Privilegien ihrer Geburt konfrontiert werden, die meist als vollkommen selbstverständlich nicht einmal einen Gedanken wert sind. Es geht um Anerkennung gesellschaftspolitischer Wirklichkeiten.

    Ich vermute, dass du sagen möchtest, dass George Floyd nur ein trauriger Vorfall von vielen ist und das ist selbstverständlich korrekt. Aber wir brauchen diese Symbolfiguren, mit denen wir uns identifizieren können, deren Schicksale uns berühren und bewegen, um uns mit Themen, mit denen wir in unserem Alltag keinen Kontakt haben, konkret verknüpfen zu können. Es besteht kein Grund, über den „Trendcharakter“ der aktuellen Medienpräsenz die Nase zu rümpfen, weil es trotz einiger Missbrauchsfälle immer noch etwas GUTES ist, dass dieses Thema Aufmerksamkeit erhält.

    Ich kannte George Floyd nicht. Da ich im Journalismus arbeite und das in der Branche notwendige dicke Fell entwickelt habe, ließen mich die Bilder seiner Ermordung ebenfalls kalt. Ja, das kann ich offen zugeben, weil ich dieses dicke Fell brauche. Sonst würde ich ständig in Tränen ausbrechen. Was mich hingegen nicht kaltlässt, ist der Druck der Verantwortung. Ich habe keine Schuld am Tod von George Floyd, aber ich trage als Weiße eine historische und tägliche Verantwortung dafür, dass sich die Missstände, die dazu führten, dass er ermordet wurde, ändern und bessern. Diese Verantwortung besteht darin, meine Stimme hinzuzufügen. Allein werde ich gar nichts erreichen. Nur gemeinsam können wir den Wandel herbeiführen. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, vielleicht erst, wenn George Floyd längst vergessen ist, aber wenn wir nicht auf eine bessere Zukunft hoffen, können wir uns auch alle gleich hinlegen und auf den Tod warten.

    Ich hoffe, dass das „Trendthema“ George Floyd viele Leute dazu bringt, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen, sich zu sensibilisieren, zu lernen. Deshalb ist es meiner Meinung nach gar nicht entscheidend, wie viele Influencer_innen die Bewegung missbrauchen. Solange POC spüren, dass sie nicht allein sind, dass die Weiße Bevölkerung überwiegend hinter ihnen steht, wurde das Momentum positiv genutzt. Mit jeder Person, die sich über Rassismus, diskriminierungsfreie Sprache und Polizeigewalt informiert, wurde das Momentum positiv genutzt. Darum geht es doch. Den Trend zu nutzen, um aufzuklären.

    Ich wünsche mir, dass du deine negative Einstellung dazu noch einmal überdenkst, denn niemand verlangt von dir, falsche Betroffenheit zu heucheln. Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, die Realität von strukturellem Rassismus anzuerkennen und diejenigen zu unterstützen, die dagegen vorgehen. Sicherlich werde viele ihren Aktivismus wieder in einer Schublade verstauen, wenn das Momentum abebbt. Aber es wird auch diejenigen geben, die von den Bildern und Berichten über George Floyd, Black Lives Matter und allen Aspekten der aktuellen Situation nachhaltig verändert werden. Das zählt.

    Abschließend noch ein kurzer Disclaimer: ich habe all das komplett unaufgeregt und ohne in Gedanken laut zu werden geschrieben. Ich bin überzeugt, wir können von unseren unterschiedlichen Standpunkten aus eine konstruktive Diskussion führen, in der sich niemand sofort angegriffen fühlt. Erkläre mir deine Sicht. Ich bin bereit dafür. :)

    Montagsfrage auf dem wortmagieblog
    Liebe Grüße,
    Elli

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    1. Ich gehe einfach nur kurz auf den letzten Abschnitt ein, indem ich sage: Es gibt keine unterschiedlichen Standpunkte.
      Rassismus ist ein Problem. Das war es vor diesem Fall und das wird es nach diesem Fall noch sein. Es war nicht der erste Mord, der für solch eine Aufmerksamkeit sorgte, und es wird nciht der letzte gewesen sein, leider. Und es ist ein Problem, das alle angeht. Da muss was geschehen und das wird, wenn überhaupt, nur sehr langsam vonstattengehen.
      Das ist mein Standpunkt und ich glaube einfach mal, dass es da keine großen diskussionswürdigen Differenzen gibt.

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      1. Ich meinte mit unterschiedlichen Standpunkten nicht, dass ich das Gefühl habe, du würdest die Realität von Rassismus leugnen, absolut nicht. Ich meinte, dass ich den Eindruck habe, wir betrachten die mediale Präsenz des aktuellen Falles unterschiedlich.

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      2. Wir BEWERTEN sie vielleicht anders, das kann sehr gut sein.
        Derartige Ereignisse werden immer ausgeschlachtet. Ich werde mich da gleich unter einem anderen Kommentar noch wiederholen müssen, aber: Ja, es generiert Aufmerksamkeit. Und ja, Aufmerksamkeit ist an sich schon mal gut. Was mich ankotzt, ist die Motivation dahinter.
        Wenn eine Firma (kein lokales Unternehmen, sondern eine Firma, die groß genug ist, dass der Chef nicht einmal weiß, wie viele Menschen für ihn arbeiten) jetzt #blacklivesmatter (übrigens finde ich unabhängig von der Situation ein #AllLivesMatter immer besser) über alle Kanäle raushaut, dann ist das eine kalkulierte wirtschaftliche Entscheidung, keine humanitäre.

        Und ja, der Aktivismus vieler wird bald wieder in der Schublade verschwinden, wenn andere Themen bei Twitter und Instagram trenden. Deshalb lasse ich meinen gleich da, wo er ist. Im Alltag. Indem ich anderen unvoreingenommen begegne, mache ich schon mehr für ein friedliches Miteinander als viele, die jetzt irgendwelche Hashtags rebloggen.

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      3. Ich bin nicht angesprochen, möchte hier aber nochmal kurz einhaken, denn genau das von Dir als besser empfundene #AllLivesMatter ist für mich Teil des Problems. Es wird von den Unterstützern von BLM nämlich an keiner Stelle gesagt, dass andere Leben nicht zählen würden.

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      4. Gleichzeitig macht BLM auch nicht auf den ersten Blick klar, dass andere Leben zählen. Heißt ja nicht #BlackLivesMatterToo. Du siehst, das man sich da im Kreis drehen kann? Ich bevorzuge deshalb „Alle“ weil es … naja, alle beinhaltet.

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      5. Ich verstehe deinen Ärger über fragwürdige Motivationen, definitiv. Aber ich finde es schade, dass du davon auszugehen scheinst, dass es für die meisten bei den Hashtags bleiben wird und sie die Botschaft nicht mit in ihren Alltag nehmen, weder jetzt noch später. Es ist super, dass du dich um Unvoreingenommenheit bemühst, denn das ist schwerer als es aussieht, zumindest meiner Erfahrung nach. Ich fände es nur fair, wenn du denen, die jetzt aktiv sind, dieselbe Kompetenz zutraust. Selbst wenn das Momentum wieder verschwunden ist, heißt das ja nicht, dass all diejenigen, die jetzt ein Bewusstsein entwickeln, sich dieses nicht bewahren, unabhängig vom Zeitgeschehen.

        Wohlgemerkt, ich spreche über Privatpersonen als kleinste Zelle, nicht über Unternehmen. Unternehmen sind ein Punkt, den ich wirklich sehr schwierig finde und ein Teil von mir ist deiner Ansicht, dass eine Unterstützung der Protestbewegung wirtschaftliche Berechnung ist. Der andere Teil behauptet, dass es sicher auch Unternehmen gibt, die wirklich hinter dem Ideal stehen und auch nicht bewusst versuchen, darüber Profit zu machen. Dennoch führt ein positives Image natürlich immer zu besseren Umsätzen… Ich sage ja, ich finde es kompliziert. ;)

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  4. Zum Punkt BLM & ALM: Für mich ist es selbstverständlich, dass alle Leben gleich wertvoll sind und ich habe auch nicht den Eindruck, dass BLM diese Einstellung nicht teilen. Ich präferiere BLM trotz dessen im aktuellen Kontext, weil dort die Weiße Bevölkerung explizit ausgenommen ist und ich das für entscheidend halte, weil wir nie das Ziel von strukturellem Rassismus sind. Man kann nun argumentieren, dass demzufolge auch Hispanoamerikaner_innen und alle weiteren ethnischen Minderheiten ausgenommen sind, weil es eben ausdrücklich BLACK Lives Matter heißt. Ich denke aber nicht, dass das der Hintergedanke dieser Bezeichnung ist. Ich interpretiere sie eher so, dass „Black“ ebenso sehr als konkrete Tatsache fungiert wie auch als Platzhalter für alle anderen Minderheiten, die nicht Weiß sind.

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