Montagsfrage #73 – Ausgelutschte Klischees [2011]

Nachdem sie sich ein bisschen erholt hat, hat die gute Antonia in dieser Woche wieder eine Montagsfrage für uns, die da lautet:

Welche Klischees haben für euch wirklich ausgedient?

Meine Antwort: alle und gar keine. Klischees sind Klischees, weil sie funktionieren. Sie bieten Autoren und Lesern etwas Bekanntes, worauf man sich stützen kann. Problematisch werden Klischees erst, wenn sie nicht weiter oder nicht weit genug ausgebaut werden.

Es kommt also auf die Details an. Schwierig dabei ist, dass sich auch bei den Details mittlerweile Klischees etabliert haben. Ein Außenseiter wird nicht origineller, nur weil er sich für die Heldengruppe dann doch als hilfreich erweist. Dass er dann eigentlich noch der rechtmäßige König ist, erfindet das Rad auch nicht neu.

Irgendwann sind die üblichen Verdächtigen bezüglich Ausgestaltung von Charakteren einfach ausgeschöpft. Dann kann man anfangen, ganz neue, teilweise abstruse Details in die Formal zu werfen. Das kann funktionieren, muss aber nicht. Ebenso gut kann man mit den bereits bekannten Aspekten spielen. Hier ein bisschen was dazu, da etwas weglassen und ganz wichtig: ein interessanter Twist. Wenn ich am Herd experimentieren will, greife ich auch erstmal auf das zurück, was schon im Gewürzregal steht, bevor ich irgendwas anderes versuche. Es ist also wichtig, ein möglichst großes Gewürzregal an Ideen und Charaktereigenschaften zu haben.

Das Spiel mit der Spannung

Und der besagte Twist muss funktionieren. Von Beginn an Spannung wegen eines Geheimnisses aufzubauen oder es nur anzudeuten und dann mit etwas um die Ecke zu kommen wie „Der Held hat eine links-rechts-Schwäche“, dürfte nur selten zufriedenstellend sein.  Vor allem sollte der Held dann nicht im Verlauf der Story mehrmals falsch abbiegen. Es muss überraschend kommen und es muss zu dem passen, was für den Helden, für die Welt der Geschichte und für den Leser auf dem Spiel steht.

Erwachsene Frau, die ein Trauma aus der Kindheit verdrängt. Klischee. Ein gutes, würde ich sagen, das viele Möglichkeiten bietet, aber immer noch ein Klischee. Solche Klischees erkennt man als Leser mittlerweile recht schnell. Beim Lesen von Das Spiel z. B. spricht die Protagonistin bzw. eine der Stimmen in ihrem Kopf (was immer ein Hinweis auf ein Trauma ist) von dem Tag als die Sonne erlosch. Ich lese also einen Roman über eine Frau, die für Sexspiele ans Bett gekettet wurde, die psychische Probleme hat und die scheinbar ein Trauma erlitten hat und deren Gedächtnis diesen Tag meidet. Nach all den Geschichten, die ich bislang gelesen oder gesehen habe, steht in meinem Kopf direkt fest: Als Kind wurde sie vergewaltigt. Was kommt gefühlte Ewigkeiten später raus? Sexueller Missbrauch durch den Vater. Nicht ganz die von physischer Gewalt bestimmte Vergewaltigung, die ich erwartet hatte, aber es dürfte doch zutreffend genau sein.

Nun passt die Art des Traumas natürlich zum Grundton der Geschichte, ist aber zum Zeitpunkt der Enthüllung spannend wie Zwieback. Ein Twist oder eine Enthüllung muss entweder abliefern können oder darf nicht zu sehr aufgebaut werden im Vorhinein.

Das richtige Klischee zur richtigen Zeit

Klischees an sich sind also nicht das Problem, sondern mehr der Umgang mit ihnen. Aber auch da muss man sagen, dass eine klischeehafte Story mit Klischeehaften Charakteren funktionieren und erfolgreich sein kann, wenn die übrigen Umstände stimmen. Vampire Diaries hat zum Beispiel den durch Twilight losgetretenen Hype gebraucht, um den Erfolg zu ernten, den die Reihe letztendlich hatte.

Unter den richtigen Umständen kann also auch eine flache Geschichte zum Hit werden. Aber will man das? Bedient von mir aus alle Klischees, die ihr finden könnt, aber bemüht euch dabei um Kreativität. Ihr müsst die Bauteile nicht neu erfinden, aber baut daraus doch bitte etwas, das nicht zu vertraut ist und das noch überraschen kann.

Ein Gedanke zu „Montagsfrage #73 – Ausgelutschte Klischees [2011]

  1. Huhu,
    ich sehe das genauso wie du. Es kommt immer darauf an, was der Autor aus der Geschichte macht und wie es ihm gelingt das Klischee so zu verwenden, dass es spannend für v. a. für die Leser glaubwürdig herüberkommt.

    Liebe Grüße
    Jay von „Bücher wie Sterne“

    Gefällt 1 Person

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