Montagsfrage #69 – Schreiben nur auf Grundlage eigener Erfahrung? [2006]

Eine neue Woche, eine neue Montagsfrage! Und weil ich heute tatsächlich ein paar Dinge vorhabe, springen wir auch direkt rein:

Kann ein Autor über etwas außerhalb der eigenen Erfahrung schreiben? (Und muss er es sogar?)

Eine sehr gute Frage, wie ich finde, auf die es wohl sehr verschiedene Antworten geben wird. Meine ist dieses Mal ein klares Ja! Wie immer ist das hier eine sehr spontane Antwort. Ich bin sicher, ich könnte mit genügend Zeit etwas strukturiertere Gedanken und besser Argumente für meinen Standpunkt finden, aber ich mag es einfach, zu den Montagsfragen das rauszuhauen, was mir als erstes in den Sinn kommt.

Die Probleme oder Konflikte in Büchern sind vermutlich wirklich oft eine abgewandelte Form eigener Erfahrung. Das ist auch in Ordnung und wohl auch für viele einfacher. In Hinblick auf die Frage sollte man für sich selbst aber auch klären, welche Art von Erfahrung man meint. Ich war nie in einer Wüste, bin noch nie auf irgendeinem Tier geritten und musste noch nie hungern. Dürfen meine Figuren das jetzt auch nicht mehr? Vermutlich wird mir das keiner verbieten. Aber wenn man noch weiter geht?

Verschiedene Leute werden verschiedene Antworten liefern, vermutlich unter anderem darauf basierend, wie tiefgehend eine Erfahrung ist und ob sich »Außenstehende« anmaßen dürfen, darüber zu erzählen. Darf ich als junger, weißer Mitteleuropäer im 21. Jahrhundert ein Buch über einen jüdischen Helden im Berlin des Zweiten Weltkriegs schreiben? Oder über ein Mädchen aus der dritten Welt und seine Erfahrungen mit Menschenhändlern? Da werden viele schon eher mit dem Kopf schütteln. Über Nazis oder Menschenhändler als Bösewichte, darf ich wahrscheinlich schreiben, was ich will, aber die Empfindungen, die einer der Guten in solchen Situation durchlebt, kann ich mir in meinem priviligierten Leben ja gar nicht vorstellen.

Ja, kann ich nicht. Zum Glück, möchte ich sagen. Trotzdem wage ich zu behaupten, dass Erfahrung wenn schon nicht perfekt, dann doch wenigstens sehr gut ergänzt oder ersetzt werden kann, vor allem durch Recherche und Empathie. Solange der entsprechende Autor nicht vollkommen freidreht und es so darstellt, als wäre es ja für den Juden oder das Mädchen eigentlich gar nicht mal so schlimm in ihrer Situation, muss man dann nicht unebdingt die Moralkeule auspacken, finde ich.

Ein schlechtes Buch wird dann immer noch ein schlechtes Buch bleiben, weil die Charaktere eindimensional oder klischeebehaftet sind. Vielleicht fehlt es auch an Intensität. Das kann alles sein. Dann hat der Autor eben Mist gebaut. Auf der anderen Seite können Autoren aber auch Situationen, Erfahrungen, Gefühle vermitteln, die ihnen größtenteils oder sogar ganz fremd sind, und man kauft es ihnen trotzdem ab.

Also ja, Autoren müssen sich nicht nur auf eigene Erfahrungen verlassen, um Geschichten zu schreiben. Etwas Eigenes, das dem Geschriebenen einen speziellen Touch gibt oder es etwas von der Menge abhebt, ist natürlich immer gut, aber dann sind wir wohl schon bei der Unterscheidung zwischen Geschichten, guten Geschichten und großartigen Geschichten.

2 Gedanken zu „Montagsfrage #69 – Schreiben nur auf Grundlage eigener Erfahrung? [2006]

  1. Huhu,

    meiner Meinung nach ist der größte Fehler, der einem Autor oder einer Autorin unterlaufen kann, mangelnde Empathie. Ich glaube, dass ein Setting noch so authentisch, glaubwürdig und von Recherche unterstützt sein kann, gelingt es Schriftsteller_innen nicht, Emotionen zu vermitteln, kann die Lektüre kein Erfolg werden.

    Montagsfrage auf dem wortmagieblog
    Liebe Grüße,
    Elli

    Gefällt 1 Person

    1. Auf jeden Fall. Das ist auch einer der Aspekte, die ich mit der mangelnden Intensität meinte.

      Ein sehr krasses Beispiel: Wenn mir die Angst eines Kindes, das von den Eltern im Krisengebiet unter den Bodenbrettern versteckt wurde und durch die Ritzen mitansehen muss, wie die Eltern verschleppt oder getötet werden genauso präsentiert oder vermittelt wird, wie die Angst kurz vom Umdrehen der Abschlussprüfung, hat der Schreiberling Mist gebaut.

      Die tollste Welt und die schönsten Kulissen mit der innovativsten Geschichte nützt eben nur wenig bis gar nichts, wenn es keine richtigen Figuren gibt. Auf dem Papier muss ein Mensch entstehen, den man lieben und hassen kann, mit dem man mitfühlen kann. Und wenn ich solch eine Figur nicht erschaffen kann, können auch die Leser nichts damit anfangen.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s