Ein Marsch für das höhere Wohl

Er bewegt sich behutsam vorwärts. Jeder Schritt penibel ausgeführt. Das Gelände kennt er gut, marschiert er hier doch seit Wochen täglich entlang. Doch eine Routine kann er sich nicht erlauben, das weiß er.

Achtsam registrieren seine Sinne jede noch so kleine Veränderung. Er passt Schrittweite, Tempo und Richtung an, achtet auf den Lichteinfall und jedes Geräusch, das er von sich gibt.

Sein Körper schmerzt von der Anspannung und Belastung der letzten Tage, lässt ihn manchmal hinken, doch er reißt sich zusammen. Das höhere Wohl ist es, dem er sich verschrieben hat, wofür er weitermarschiert, sich so wenige Pausen wie möglich erlaubt. Das höhere Wohl, das da Ruhe und Frieden bedeutet.

Dann ein Kratzen im Hals. Nicht jetzt, nicht in dieser Stille, denkt er sich und bemüht sich, ein Husten zu unterdrücken. Es gelingt ihm nicht. Für einen Moment steht sein Herz still, die Welt mit ihm, beide gespannt, welche Lawine von Unheil, dieses die Stille zerreißende, leise Husten, losgetreten haben mag.

Nichts. Herz und Welt nehmen ihre Bewegung wieder auf, der Mann tut es ihnen gleich. Vorsichtig folgen seine Beine dem wohlbekannten Weg, während die Hände das Wasser an seine Lippen führen. Ein kleiner Schluck nur, sagt er sich, gegen den trockenen Hals. Selbst der Ruf der Natur darf diesen Marsch nicht unterbrechen.

Das kühle Nass benetzt seine Lippen, füllt seinen Mund, fließt ihm die Kehle herab, als er hörbar schluckt. Zu hörbar.

Das Unheil, das Hinken, kleinere Pausen oder Husten nicht heraufbeschworen haben, wurde durch ein zu lautes Schlucken entfesselt. Er passt seine Bewegungen blitzschnell an, bemüht, es noch im Keim zu ersticken, doch es ist bereits zu spät.

Der kleine Krümel im Tragetuch ist wach.

2 Gedanken zu „Ein Marsch für das höhere Wohl

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