Was wäre wenn…

Beim Spaziergang mit der Kollegin kommen irgendwie die Themen Freundeskreis und Freizeit auf. Was man heutzutage so unternimmt, was man früher so unternommen hat und wieso das alles nicht mehr so einfach ist (zumindest für uns).

So vor 16 Jahren fing es an, dass ich fast jeden Abend unterwegs war. Ich hatte endlich mal Freunde und wir waren ständig Billard spielen, Shisha rauchen oder Döner essen. Bier gab es natürlich auch in rauhen Mengen, wenn auch hauptsächlich für mich, denn ich hatte keinen Führerschein. Zu der Zeit ging es in meinem Leben um ganz klischeehafte Dinge. Ich war jung, fest davon überzeugt, erwachsen zu sein und alles im Griff zu haben. Alkohol, die erste Beziehung, Sex … ich hatte nicht alles im Griff. Ich bin nie komplett abgestürzt, ich habe meine Ausbildung und anschließend auch mein Studium geschafft und war insgesamt nur etwa sechs Monate arbeitslos. Da gab es also keine Probleme. Die lagen dann eben in meiner Psyche.

Später kam dann eine Phase, in der sich eigentlich alles irgendwie auf Sex runterbrechen ließ. Da, wie auch vorher schon hatte ich immer dieses »Was wäre wenn…«-Gefühl. Was wäre, wenn ich diese und jene Ausbildung gemacht hätte? Was wäre, wenn ich doch mit dieser Frau zusammengeblieben wäre (wobei ich zugeben muss, dass keine meiner Trennungen von mir ausging)? Wäre ich glücklicher? Wäre es besser für mich oder andere? Alles auch sehr klischeehafte Fragen.

Mittlerweile habe ich dieses Gefühl äußerst selten. Und in diesen seltenen Momenten weiß ich ganz genau, dass es nur von meiner Libido herrührt. Dann sind es Sex-Phantasien, die nicht zu der Art Beziehung oder zu dem Leben passen, dass ich gewählt habe. Und das ist verkraftbar, die heizen mein Kopfkino an und ich genieße es. Zu mehr taugt das »Was wäre wenn…«-Gefühl nicht mehr, denn es wäre höchstwahrscheinlich nicht besser. Ich wäre nicht glücklicher. Ja, vielleicht hätte ich mit einem anderen Job mehr Spaß, aber scheiß drauf, mir geht es super. Ich habe das hier schon einmal so geschrieben, aber es passt immer noch, wenn ich OK KID zitiere:

»Früher musste ich lügen, damit ich besser dastehe. Heute müsste ich lügen, wenn ich sag, dass ich nicht besser dastehe.«

Das Gefühl, diese Gewissheit, ist einfach toll. Und ich freue mich, dass es so gekommen ist, wie es nun einmal gekommen ist. Und ich bin dankbar dafür.

10 Gedanken zu „Was wäre wenn…

  1. Sehr interessanter Beitrag! Verstehe ich richtig, dass der einzige Moment ist, wo du denkst, es könnte noch besser werden, ist wenn du an sexuelle Fantasien denkst, die du aktuell nicht ausleben kannst?

    Gefällt 1 Person

  2. Also entweder war das eine Kollegin, mit der du mal echt dicke bist, oder aber das Gespräch mit ihr gab dir nur den Anstoß zu diesen Gedanken. Denn diese teilt man mithin gar nicht so gerne und erst recht nicht oft, weil die wenigsten auch nur einen Hauch von Verständnis aufbringen wollen, für alles, was auch nur ein Yota vom Üblichen abweicht.

    Gefällt 1 Person

    1. Tatsächlich verstehe ich mich mit der Kollegin sehr gut, auch wenn wir privat nicht wirklich viel miteinander zu tun haben (immerhin war ich auf ihrer Hochzeit). Allerdings gibt es im Büro genügend Leerlauf, dass fast alle unserer Gespräche privater Natur sind. Einige dann eben auch »privater« als andere.
      Ich bin allerdings auch jemand, der an sich sehr offen mit sowas umgeht, glaube ich zumindest. Im Bezug auf den beruflichen Kontext kann ich die Bedenken aber schon nachvollziehen. Das ist leider immer noch sehr schwierig und wird es wohl auch noch lange Zeit bleiben.

      Gefällt mir

  3. Büro mit Leerlauf und Kollegin, du Glückspilz. So was hatte ich schon lang nicht mehr. Was deine Ursprungstext angeht, bin ich noch über die Passage gestolpert:
    »Dann sind es Sex-Phantasien, die nicht zu der Art Beziehung oder zu dem Leben passen, dass ich gewählt habe.«
    Lies (noch)mal die Äsop-Fabel von der Katze, die das Mausen nicht lässt. Das beschreibt mich ganz gut, obschon ich mit Katzen sonst nicht viel anfangen kann, aber vielleicht verstehst du, was ich meine. Wenn dir der Satz mal nicht auf die Füße fällt.

    Gefällt 1 Person

    1. Die Fabel habe ich tatsächlich nie gelesen, kenne nur die Redewendung im Sinne von »Alte bzw. schlechte Gewohnheiten nicht ablegen können«. Das trifft teilweise vielleicht zu. Ich habe aufgehört zu rauchen und zu trinken (kein »Am Wochenende feiern gehen«, sondern schlichter Alkoholkonsum, zu oft, zu viel, zu unkontrolliert).
      Wenn ich dann noch von Zeit zu Zeit Kopfkino von bestimmten Situationen und das mir ja auch gefällt, kann ich damit gut leben. Es ist nur eben wirklich so, wie ich geschrieben habe: Zu dem Leben und der Partnerin für die ich mich entschieden habe passt es einfach nicht. Aber ich würde mich jederzeit wieder so entscheiden und darauf kommt es an, denke ich.

      Gefällt 1 Person

  4. Falls du sie mal liest, wirst du vielleicht verstehen, was ich meine. Es geht dem Dichter in seiner Fabel weniger um schlechte Gewohnheiten als vielmehr um Charaktereigenschaften, die sich eben nicht so leicht ablegen lassen, wie Gewohnheiten. Sich das Rauchen abzugewöhnen ist leicht, einem Choleriker die Wutanfälle abzugewöhnen, deutlich schwerer.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s