Phantomschmerz

Mit rot leuchtenden Ziffern droht der alte Radiowecker aus der Dunkelheit, die ihn umgibt. Vor langer Zeit einmal stand das Gerät neben dem Bett seines Vaters. Wieso wegwerfen?, dachte er sich und übernahm den unschönen Kasten mit dem integrierten Kassettendeck. Früher versteckte er dort immer etwas Gras und fühlte sich clever und rebellisch. Heute lagern die Drogen in einer grünen (!) Tupperdose im Ikea-Regal in der Küche und damit ist für ihn schon alles über sein Leben gesagt.

Kontrolle vollkommen verloren.
Um Änderungen zu übernehmen, muss das System neu gestartet werden.
– In 5 Jahren wieder erinnern
Vielen Dank und Ihnen auch ein herzliches Fuck you.

Der Wecker macht seine Drohung wahr und gibt einen nervtötenden, aber menschenerweckenden Ton von sich. Irgendetwas zwischen Montag und Freitag, also der übliche Ablauf: Aufstehen, Kippe, Dusche, Kippe, Auto, Kippe, Kippe, Arbeit, zwischendurch ein paar Kippen, Auto, Kippe, Essen (oder etwas in der Art), unzählige Kippen, Bett.

An Tag 6 dann ein Termin beim Gesundmacher. Gemeinschaftspraxis Dr. J. Walker & Dr. J. Beam. »Was stimmt denn nicht?«, bringt er die Frage gleich mit in die Sprechstunde und hat auch schon die Antwort dabei: »Mein Leben tut weh.«

Nachdem die Heiler ihn gründlichst innerlich untersucht haben, steht am Ende der Nacht die Diagnose: Welches Leben überhaupt?

Nächste Erinnerung in 4 Jahren, 11 Monaten, 27 Tagen, 12 Stunden, 37 Minuten.

 

#Phantomschmerz (Das zehnte Wort für das Projekt *.txt 2018)

Ein Gedanke zu „Phantomschmerz

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