Corinna

Ich lese aktuell »Tanz mit dem Schafsmann« von Haruki Murakami. Ein tolles Buch, über das ich aber hier noch schreiben werde, sobald ich es durch habe. Zeitgleich sollte ich an meinem Manuskript schreiben und schaffe immerhin eine bis anderthalb Seiten täglich. Aktuell geht es da hauptsächlich um Alvan und die Anfänge eines Krieges. Dann ist da noch ein Evaluationsbericht bzw. ein entsprechender Entwurf, der geschrieben werden will. Und dann ist da Corinna, die eigentlich nirgendwo reinpasst, mir aber nicht aus dem Kopf geht.

Ihren Ursprung hat sie in einer Idee für eine lustige Kurzgeschichte über sie und ihren Hund, die mir vor einiger Zeit durch den Kopf ging, doch in den letzten Tagen musste ich immer wieder an sie denken, war richtig abgelenkt. Also musste ich einfach ein paar Zeilen über sie schreiben, um sie aus meinem Kopf zu kriegen. Und siehe da: Sie ist gar nicht mehr die Frau, die sie in besagter Kurzgeschichte hätte werden sollen. Sie hat nicht mal mehr einen Hund.

Corinna ist 34. Durch asoziale Medien und ihren Freundeskreis – beides fein aufeinander abgestimmt – ist sie derart sozialisiert, dass sie sich als »thirty-something« bezeichnet. Total crazy eben, auch so ein Stempel, den sie sich selbst aufgedrückt hat.

Corinna ist also thirty-something (was sie wurde, nachdem sie zum zehnten Mal ihren 20. Geburtstag gefeiert hatte) und lebt in der besten Stadt der Welt. Wie jede beste Stadt der Welt zeichnet sich auch Corinnas Wohnort dadurch aus, zu laut, zu voll, zu dreckig und eigentlich zu teuer zu sein, aber wenn man nicht hier wohnt, versteht man das sowieso nicht.

In dieser austauschbaren, unvergleichlichen Stadt lived sie also das life to the max, genießt den Augenblick und carpet den diem, immerhin steht es so auf den bunten Postkarten, die die Wände ihrer 40m²-Wohnung im vierstelligen Kaltmietenbereich zieren. All das definiert ihren Charakter, der in etwa so komplex ist, wie Kojaks Frisur.

Leichtes Übergewicht, das sie keineswegs unattraktiv macht, ist »Kuschelmasse«, denn »Nur Hunde spielen mit Knochen«, wie sie stolz auf allen ihr zur Verfügung stehenden Kanälen kundtut. Total originell eben, denn sie ist natürlich ganz anders als alle anderen und, wie bereits erwähnt, total crazy. Sie hat nämlich während des Studiums – irgendwas tolles, von dem ihr sowieso noch nicht gehört habt – mal mit ihren Freundinnen die Vorlesung geschwänzt. Um im Park Eis zu essen und Erdbeersekt zu trinken. Vormittags. Mit Plastikkrönchen auf dem Kopf! Oh my gosh! (Anm. d. Autors: Guckt mich nicht so blöde an, ich schreib‘ den Scheiß nur, sie lebt wirklich so)

Aber auch heute noch sind diese verrückten Hühner zu jeder Schandtat bereit, bewaffnet mit Selfiestick und Einhorntäschchen wird beim Mädelsabend jeder Cocktail über das iPhone promotet. Störend ist auf den Bildern nur das Make-Up, dessen Dezenz nur knapp hinter Pennywise, dem tanzenden Clown, rangiert.

Mindestens einmal im Monat geht man gemeinsam aus, einen neuen Geheimtipp an Location ausprobieren, der so geheim ist, dass er jedes Mal maßlos überfüllt ist, so super! Laute Musik, laute Menschen, bunte Drinks, einfach wow! Immer gleich und immer unvergesslich einzigartig. Wer nicht dabei war, hat auf jeden Fall etwas verpasst.

Am Montag geht es dann wieder ins Büro, wo jeder die 142 Statusupdates vom Wochenende ignoriert hat, um Corinnas Bericht mit einer Inbrunst zu lauschen, die man sonst nur aus den Unterrichtsszenen bei Charlie Brown kennt.

Das ist dann also Corinna. Ganz toll. Ich habe da noch einen anderen Charakter im Kopf, den ich irgendwann mal auf Corinna treffen lassen möchte, nachdem ich jetzt weiß, wie sie so tickt. Aber der verlangt zum Glück nicht so viel Aufmerksamkeit.

3 Gedanken zu „Corinna

  1. Die Frage, die sich mir stellt… Und die wohl essentiell ist, um sie aus meiner Position einordnen zu können…
    Ist sie glücklich dabei?
    Liebe Grüße 🙃

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    1. Vermutlich. Zumindest glaubt sie es und oft kann man vom Glücklichsein ja nicht mehr erwarten, als etwas woran man glauben kann.
      Für mich war die Frage nicht wichtig, da ich auch nichts mit dem Charakter vorhabe, wobei es wichtig sein könnte, also kann das jeder selbst entscheiden.

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