Ein Hoch auf unsere Schulen!

Und dann steht man da, vor einer zehnten Klasse, die gerade in den Saal strömt. Sie kommen gerade zur ersten Stunde. Draußen ist es dunkel, windig, der Regen unangenehm kalt, 5°C das höchste der Gefühle. Die Hälfte der Mädchen hat wahlweise Waden, Bauch oder Schultern entblößt, die Jungs unterhalten sich ausgelassen über Sport und Videospiele und schenken den Klassenkameradinnen keine Aufmerksamkeit. Einige von ihnen wird das erst recht anmachen und das wissen sie. Als auffällt, dass neben dem Lehrer noch jemand steht – ein Fremder, der wohl keine Authoritätsperson an der Schule ist – werden Witze in einer Lautstärke durch den Saal getuschelt, die einige Dezibel über meiner normalen Gesprächslautstärke liegt.

Auftritt Lehrer: Über die Bühne, die aus dem vorderen Teil des Klassenzimmers besteht, geht er zu seiner Position. Er kennt sie schon lange, den Stern auf dem Boden braucht er nicht mehr. Stille. Wie dressierte Pinguine stehen die zu Beschulenden da und haften ihre Blicke an den Lehrer. Sein „Guten Morgen“ wird mit einem in die länge gezogenen „Guuuuteeeeen Mooorgeeeen, Herr …“ beantwortet. In der 10. Klasse! Dann setzen sich alle und das vorangegangene Chaos beginnt wieder anzuwachsen.

Der Fremde wird vorgestellt, was die meisten nicht hören. Erst als er selbst kurz etwas lauter wird, sichert er sich ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit. Formulare ausfüllen, okay. Freiwillig, yeah! Muss man also nicht.

Parallel verlangt der Lehrer, die Hausaufgaben zu sehen. In alphabetischer Reihenfolge wird jeder aufgerufen, kommt nach vorne und zeigt sein Heft vor. In der 10. Klasse! Einige sind durchaus bereit, das ausgeteilte Formular für diesen fremden Typen auszufüllen, immerhin passiert ihnen ja nichts. Nur bei kleineren Unklarheiten wird nachgefragt. „Darf ich mein Handy rausholen, um nach der Nummer zu schauen“, fragt eine Schülerin. Darf sie. Der nächste meldet sich. „Darf ich mein Handy rausholen, um nach der Nummer zu schauen?“ Auch er darf. Nach der dritten inhaltlich gleichen Wortmeldung verschafft der Lehrer sich Gehör und gibt allen diese Erlaubnis. Wenn es danach wieder ausgeschaltet in der Tasche landet. Der einzige Schüler, der sein Handy nicht auf dem Tisch liegen hat, fragt zwei Minuten später, ob er es rausholen darf, um nach der Nummer zu schauen. Auch langsame Schüler kommen in die 10. Klasse. Dann kommen langsam die weiteren Fragen zu Angaben, von denen man ja nicht erwarten kann, dass die jungen Menschen sie einfach so ausfüllen können. Postleitzahl, Straße, Hausnummer. In der 10. Klasse! Auch die Festnetznummer wird beim Lehrer erfragt, sowas nimmt nur wichtigen Speicherplatz auf dem rosa iPhone ein.

Nachdem verschiedene Fragen noch ein paar mal beantwortet wurden, ist alles erledigt. Diese komischen Formulare werden eingesammelt und der komische Fremde verschwindet, bedankt sich sogar noch und wünscht viel Erfolg weiterhin. Braucht man nicht. Ob man die eigene Adresse weiß oder nicht, interessiert doch keinen, wenn man erstmal Bankkaufmann oder „Elektriger“ ist. Außerdem kann man ganz toll im Chor „Guuuuteeeeen Mooorgeeeen“ sagen, das reicht ja wohl als Qualifikation. In der 10. Klasse!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s