Meine Freunde auf der Straße

Ich fahre gerne Auto. Das bedeutet nicht, dass ich jede Distanz fahren muss, die die Länge meiner Spritschleuder übersteigt, aber eine Autofahrt unter den richtigen Bedingungen kann etwas wahnsinnig Entspannendes haben. Nur wann hat man die mal? Und obwohl ich ein ruhiger und eher gemäßigter Fahrer bin (ich glaube, ich habe noch nie die ganzen 250 km/h aus der Spritschleuder rausgequetscht), gibt es Dinge im Straßenverkehr, über die ich mich einfach jedes Mal aufregen kann.

Da sind zum Beispiel die militanten Datenschützer, die selbst im Straßenverkehr scheinbar der festen Überzeugung sind, dass niemand das Recht hat, etwas über sie zu erfahren. Standardmäßig heißt das, dass man nicht blinkt, weil es andere ja schließlich nichts angeht, wohin man will. Als Steigerung kann man sich dann noch rechts einordnen, um links abzubiegen (gezielte Desinformation, um den Feind zu verwirren), oder eben erst im letzten Moment – wenn überhaupt – auf die Abbiegerspur fahren. Will man komplett unter dem Radar bleiben, verzichtet man auch auf jegliche Beleuchtung. Straßenlaternen und die armen Narren, die jedem zeigen, wo sie sind und wo sie hin wollen, sorgen für genug Licht im Dunkeln, dass auch Menschen, die ihre Privatsphäre schätzen, sich orientieren können.

Eine Stufe weiter sind da die Autofahrer, die nicht nur ihre Privatsphäre, sondern auch ihre Entscheidungsfreiheit lieben und demonstrieren wollen. Wieso soll man sich schließlich von einer gesichtslosen Regierung vorschreiben lassen, wie schnell man sich fortbewegt. Zu diesem Zweck gibt es in der entsprechenden Szene, in der der Mensch noch Mensch sein darf, ohne die Überwachung von außen, spezielle Umrüstkits für Freiheit und Privatsphäre. Dabei wird der Blinkerhebel entfernt, das Abblendlicht passwortgeschützt (Fernlicht bzw. Lichthupe nicht, die braucht man für orange Ampeln und die linke Spur) und das stufenlose Gaspedal gegen einen binären Schalter getauscht. Fahrer mit diesem Kit erkennt man zum Beispiel daran, dass sie an der Ampel davonrasen, nur um mit einer Vollbremsung an der nächsten – 70 Meter entfernten – Ampel wieder anzuhalten (für den Stadtverkehr ist der binäre Gasschalter eher ungeeignet). Ähnlich verhält es sich auch in der Nähe von stationären Blitzern in geschlossenen Ortschaften, wobei ich glaube, dass es hierfür einen speziellen Knopf gibt. Ampel wird orange – 30 – 50 – 70 – 90 – BLITZER! – Vollbremsung – 49 – gequält wird ausgeharrt, bis der Blitzer im Rückspiegel erscheint – 90 bzw. 110, um etwas verlorene Zeit aufzuholen. Wichtig bei der geschwindigkeitstechnischen Rebellion gegen den Staat ist es nämlich auch, bei der kleinsten Präsenz der Staatsmacht oder ihrer Überwachungsdrohnen, den Schwanz einzuklemmen, damit man bloß nicht erwischt wird.

Es gibt noch mehr tolle Arten von Autofahrern, z. B. die Entschleuniger, die den Menschen um ihnen herum Gutes tun wollen, indem sie etwas Tempo aus unserem gehetzten Alltag nehmen. Und wie geht das besser, als grundsätzlich 30 km/h unter der erlaubten Geschwindigkeit zu fahren? Oder die Rollenspieler, die in ihrer Phantasie wahlweise ein Hindernisrennen fahren und deshalb Ampeln und anderen Autos auch mal über den Bürgersteig ausweichen oder sich vorstellen, einen Panzer zu fahren, der natürlich so breit ist, dass man mindestens anderthalb Spuren braucht. Generell gibt es heutzutage einfach zu wenige Menschen, die sich die Phantasie eines Kindes bewahrt haben. Und ja, die Rollenspieler gibt es auch unter Fahrradfahrern, aber das ist ein anderes Thema.

So, das waren dann nur mal die netten Kollegen, die mich in der letzten Woche beglückt haben. Ab und zu muss sowas einfach mal raus. Vielen Dank.

3 Gedanken zu „Meine Freunde auf der Straße

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