Fremdschämen mit Programm

Endlich wieder mal ein Anlass, die Kategorie „Ausraster“ auszukramen. Gerade als ich mir dachte, es wird mal wieder Zeit dafür. Der Eintrag wird wohl wieder etwas länger, aber das muss einfach sein, vertraut mir.

Es ist gerade 01:20 Uhr. Mit Sicherheit werde ich diesen Eintrag erst später fertig stellen und veröffentlichen, aber ich muss ihn jetzt einfach schon einmal anfangen.

Die Liebste und ich sind eben von einer Geburtstagsfeier nach Hause gekommen. Der 30. Geburtstag der Freundin eines meiner besten Freunde. Allein das ist der Grund, dass ich trotz einer Mottoparty zugesagt habe. Das Motto bzw. Urteil lautete übrigens auf „90er vs. Weihnachten“, ein uralter Kampf um die schlimmsten Bräuche, peinlichsten Klamotten und grausamste Musik. Erwartet habe ich also im Prinzip genau das gepaart mit zu vielen Menschen, die einem Geburtstag zu viel Bedeutung beirechnen. Ich war also eingestellt auf Cotton-eye Joe, Eurodance, Techno und Last Christmas. Was war ich doch naiv… aber dazu später mehr.

Da die Liebste und ich beide keine Fans von Weihnachten sind und ich Mottopartys und die damit einhergehende Erwartung, sich entsprechend zu kleiden, verabscheue, hat meine kleinere Hälfte so etwas wie einen Kompromiss gefunden. Mir grün geschminktem Gesicht, grünem Haarspray und Weihnachtsmütze hat mich der süßeste Grinch ever zu dieser Party begleitet. Ich selbst bin glimpflich davon gekommen, da besagter Grinch mir ein Shirt geschenkt hat, auf dem Figuren aus Gameboy-Spielen einen großen Gameboy formen. Somit waren die 90er und Weihnachten vertreten. Ich musste zwar noch das grüne Haarspray über mich ergehen lassen, aber es sah bei weitem nicht so schlimm aus, wie ich befürchtet hätte.

Aber nun zur Party und dem titelgebenden Fremdschämen mit Programm. Gefeiert wurde im Mehrzweckraum (wie ich diese Bezeichnung liebe -.-) einer Dorfsporthalle, wo in einem Schaukasten die CD eines Unter-Klasse-Musikvereins von 2003 herumstand. Damit dürfte zur Location alles gesagt sein. Der Rest des Abends war all das, was ich erwartet hatte, nur tausendmal schlimmer. Immerhin hatten wir Gesellschaft, die das alles so grausig fand wie ich. Die Liebste hingegen amüsierte sich köstlich darüber, wie sehr mich das alles leiden ließ.

Es fing an mit dem Geburtstagsmenschen („Kind“ passt einfach mit 30 nicht, auch wenn man sich durch das zufällige einwerfen des Wortes „Penis“ versucht, sich diesen Status krampfhaft zu erhalten), die mit einem Mikrofon und mindestens einer Seite Text vor die Gäste trat und schon anfing mit „Ich hatte eigentlich nicht vor, eine Rede zu halten“. Ja klar, die Rede hat sich wahrscheinlich von alleine geschrieben. Argh, eine Lüge ist doch immer wieder ein guter Einstieg für Juristen. In dieser Rede wurde übrigens auch angekündigt, dass das beste Outfit noch gekürt werden würde (der Preis ging an eines der 10 Mädchen in Jeansjacke) und dann wurde noch das Buffet eröffnet. Das Essen war wirklich lecker, nichts sonderlich ausgefallenes, aber das fand ich auch gut so. Zähne oder Messer waren für die Schnitzel nicht zwingend erforderlich, aber auch das war nicht schlecht. Der Salat war scheinbar so gut, dass ich mir die Reste aus der Schüssel kratzen musste, als ich welchen wollte xD

Die weiteren Programmpunkte haben meinen Verstand soweit aufgeweicht, dass ich es nicht mehr schaffen werde, sie in die chronologisch richtige Reihenfolge zu bringen. Da wäre zum Beispiel die Mutter des Geburtstagsmenschen, die natürlich auch noch eine Rede halten musste. Für die Tochter als Mitglied im Karnevalsverein und die anwesenden Mitgliederinnen der Dorfmatratze e.V. Garde musste die natürlich komplett gereimt sein, denn wie wir alle wissen sind nur gereimte Gefühle echte Gefühle. Eines ihrer Geschenke war der Auftritt von Nathalie – Endstation Burgerstrich, die einen bestimmten sehr hohen Ton wirklich wunderbar halten konnte. Da das allerdings zum Singen ganzer Lieder unter anderem natürlich die deutsche Version von Can you feel the love tonight, weil das englische Original ja das Risiko birgt, gut zu klingen) meistens nicht ausreicht, wurde es eher anstrengend, aber dennoch bejubelt, wie einfach alles an diesem Abend.

Die Dame, die zu Beginn des Abends noch Getränke servierte, wäre besser dabei geblieben, sie musste aber auch noch einen Vortrag halten. Dieser war natürlich auch gereimt, dafür aber wenigstens schlecht (also schlecht gereimt, vom Inhalt her war nichts irgendwie gut) und diente scheinbar dem Zweck, dem Geburtstagsmenschen einen Korb voll mit Resten aus dem eigenen Vorratsschrank anzudrehen. Die besten Freundinnen haben die frische 30erin dann auch noch damit bombadiert, wieso sie und ihre Freundschaft denn so etwas besonders sind. Die oben erwähnte Gesellschaft merkte so schön an, dass es sich vermutlich um irgendwelche Sprüche handelte, die irgendwer mal irgendwo gelesen und dann in hässlichen kleinen Bildchen bei Facebook verteilte und auf der Kärtchen, von denen abgelesen wurde (denn echte Freundschaft braucht Text) wahrscheinlich nur Screenshots seien.

Aber was wäre eine Kappensitzung Geburtstagsfeier denn ohne witzige Einlagen auf dem Niveau der Lustiges-Taschenbuch-Werbung mit Fips Asmussen? Also hat sich ein halbstarker fix in einen weißen Kittel gehüllt, sich einen Bart angepinselt und schon hatte man den Karnvevals-Klischee-Franzosen vor sich stehen, der mit einem miserabel gespielten Akzent (auch wieder typisch Karneval) erklärte, er sei Künstler, der mit Menschen „malt“. Also wurden „freiwillige“aus dem Publikum zusammengekratzt, um mit ihnen bildhaft Witze wie „Der Armleuchter“ (Ein Mann mit zwei Kerzen in den Händen) darzustellen. Die Nummer, bei der der Freund des Geburtstagsmenschen unter ein Laken gepackt wird und ihre Arme spielt und dabei allerhand Utensilien gereicht kriegt, um seine jüngere Hälfte einzusauen, hätte tatsächlich lustig werden können. Dem wirkten allerdings der Geburtstagsmensch durch Anweisungen und ihre Mutter durch Hilfestellung entgegen.

Nach der Tanznummer der Garde, für die sich auf YouTube nochmal die Videos zu den schlimmsten Tanznummern der 90ern angesehen haben, kam dann endlich der Tagesordnungspunkt, auf den ich mich wirklich gefreut habe: Der Stripper. Aber auch das geht natürlich nicht ohne dämliche Show. „Seit mal ruhig, ich glaube, die Polizei ist draußen“ diente als Stichwort, dem Geburtstagsmenschen die Augen zu verbinden, weil man mit 30 nach zwei Staatsexamen ja offensichtlich für zu dumm gehalten wird, genau zu wissen, was jetzt kommt. Oh mein Gott, welch Überraschung! Ein durchtrainierter Kerl in einer Karnevals-Polizeiuniform. Der sah wenigstens gut aus, auch wenn ich den Sinn eines Strippers nicht verstehe, wenn er nicht ganz blank zieht, aber das wird sich mir wohl nie erschließen.

Danach war jedenfalls das Programm scheinbar abgearbeitet und es folgten nur noch Tanz und Alkohol. Dann haben wir uns auch verabschiedet und nach der Bemerkung, dass ja dann alles so war, wie es sein sollte, wenn ich es so schrecklich fand, habe ich mit diesem Eintrag hier wohl meine Rechnung beglichen xD

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich mag sie. Ihr Freund ist für mich wie ein Bruder und sie damit fast sowas wie Familie, aber wenn ich es vorher gewusst hätte, wäre ich zuhause geblieben xD Und ja, vieles in diesem Beitrag klingt sehr böse, aber wozu ein Blatt vor den Mund nehmen? Ich war gestern freundlich genug, niemandem meine Meinung zu sagen, weil ich eben auch wusste, dass sie niemanden interessiert. Hier jedoch habe ich das Sagen und kann loslassen, was ich will xD Auf jeden Fall war es ein Abend, der mich bereuen ließ, nicht mehr zu trinken und das will schon was heißen. Deshalb habe ich wohl auch zwischendurch angefangen, die Tischdeko zu essen (zumindest die Walnüsse) oder Scheiterhaufen zu bauen.

Jetzt habe ich aber genug gelästert und werde jetzt das Wochenende noch so gut wie möglich ausklingen lassen. Ciao ciao…

6 Gedanken zu „Fremdschämen mit Programm

  1. …dem ωäre nichts hinzuzufügen! Treffender (in jeglicher Hinsicht) hätt‘ ich’s auch nicht formulieren können, obgleich ich die Sängerin ganz gut fand. Statt Geburtstagsmensch hättest Du ‚Jubilarin‘ sagen können, das klingt zwar nach Geburtstagen ωeit jenseits der 30, rundet sich im Ganzen aber dadurch ωieder elliptisch, dass es ein Flair von Seniorennachmittag am Abend mit nicht enden ωollender Dauerbespaßung hatte.
    Fazit: Jolly good résumé, sir! 😏

    Gefällt 1 Person

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